Funktionstheorie - Ein Anwendungsbeispiel
Anhand des folgenden Préludes von Frédéric Chopin soll eine mögliche
Vorgehensweise zur funktionstheoretischen Analyse aufgezeigt werden, die
sowohl eine detaillierte als auch eine übergeordnete Beziehung
harmonischer Natur beschreiben möchte:

Frédéric Chopin: Prélude in c-Moll, Op. 28, No. 20, Brown-Index 107
Ein erster, sehr mechanischer Ansatz wäre, einfach alle Harmonien
sogleich auf das tonale Zentrum c‑Moll beziehen zu wollen. Man könnte
für die erste Akkolade vielleicht folgende Symbole finden:

So wissenschaftlich obenstehender „Term“ auch anmuten mag, und so
kerrekt er auch die Akkorde in eine Symbolschrift umzusetzen vermag, an
einigen Stellen offenbart er bei genauer Betrachtung seine Skurrilität:
Während die ersten vier Akkorde eine Kadenz „nach allen Regeln der
Kunst“ darstellen, fragt man sich, worin die harmonische Beziehung der
nächsten Akkorde liegt: ein Gegenklang von c-Moll, gefolgt vom
verselbständigten Neapolitaner von c-Moll, gefolgt vom Parallelklang von
c-Moll mit tiefalterierter Septime, gefolgt vom Gegenklang von c-Moll.
Hat sich hier die Theorie verselbständigt und schickt den aufmerksamen
Leser ins „Nirvana der Harmonien“?
Hätte der Analysierende das Stück
vorher einmal aufmerksam angehört, wäre ihm wahrscheinlich nicht
entgangen, dass in Takt 2 des Préludes die Kadenz des ersten Taktes in
einer anderen Tonart, nämlich As-Dur, wiederholt wird. Auch in Takt 3
liegt eine Art von Kadenz vor, hier jedoch wieder in c-Moll und nicht
durch Quint- sondern durch Quartfall in die Tonika. Und schließlich
lässt sich auch das Pendel in Takt 4 als zweimalige Kadenz nach G-Dur
deuten, sodass für die erste Zeile analog zur formalen Anlage des Stücks
eine aus vier einzelnen kadenzartigen Bausteinen konstruierte Anlage des
Stücks erscheint, die sich in drei verschiedenen Tonarten aufhält:

Diese Darstellung betont stark den Kadenz-Zusammenhang der einzelnen
Bausteine, vernachlässigt jedoch nun wieder den Bezug auf das tonale
Zentrum c‑Moll. Da jedoch alle diese einzelnen Bausteine in ihrer
jeweiligen Tonika schließen, und jeder dieser Tonika-Dreiklänge durch
ein Funktionssymbol in c‑Moll dargestellt werden kann, lassen sich diese
drei Ebenen nun alle auf eine einzige Tonika beziehen, indem jeder
Einzelterm in Klammern gesetzt, der letzte Akkord ausgeklammert und
durch das jeweilige Funktionssymbol in c‑Moll ersetzt wird. Eine
Klammersetzung wäre natürlich vor der „natürlichen“ c‑Moll-Tonika nicht
nötig, kann aber benutzt werden, um den formalen Zusammenhang deutlicher
erscheinen zu lassen. Nun lässt sich auch auf einer weiteren
Abstraktionsstufe eine übergeordnete Harmoniefolge aufstellen:

Die erste Akkolade des Préludes lässt sich also als ein Gang von der
Tonika in die Dominante auffassen, als ein groß angelegter Halbschluss
sozusagen, dessen tonikale Fläche durch ein Pendel zum Tonika-Gegenklang
und zurück auskomponiert, sozusagen prolongiert, wird.
Takt 7 und Takt 8 greifen den Anfang des Stücks wieder auf, wobei
hier die Interpretation des Des‑Dur‑Dreiklangs als Neapolitaner, der
immer als subdominantisch geprägter Akkord verstanden wird, sinnvoll
erscheint, da nun ein dominantischer Dreiklang folgt. Der
As-Dur-Dreiklang auf Schlag 1 von Takt 8 könnte unter diesen Umständen
sogar als Zwischendominante, die sich auf diesen Neapolitaner bezieht,
gedeutet werden:

Wie gezeigt wurde, lassen sich alle diese kadenzartigen Teile des
Préludes in einen funktionalen Zusammenhang bringen, sowohl zwischen den
einzelnen Akkorden als auch auf einer abstrakten, übergeordneten Ebene.
Wie kann man jedoch die Teile der Komposition deuten, die sich nicht auf
eine Kadenz zurückführen lassen? Hinter der Sequenz in Takt 5 und Takt 6
verbirgt sich ein traditionelles kontrapunktisches Modell, das zur Modulation in die Oberquinte genutzt
werden kann, auch die Chromatisierung ist seit dem 18. Jahrhundert bestens bekannt. Es handelt
sich um eine Kette von Synkopendissonanzen, die durch eine
5-6-Seitenbewegung angestoßen wird, eine Ausprägung des
Lamentobass-Modells:

Gerade Sequenzen bereiten der Funktionstheorie große Probleme, jedoch
steckt hinter dieser Sequenz auch der Gang von der Tonika zur Dominante,
also funktional gesehen etwa folgendes Schema: t … ( … D ) D. Der
Versuch, die beiden Takte sowohl von links nach rechts auf die Tonika
c-Moll, als auch von rechts nach links auf die Tonika G-Dur, die
wiederum Dominante in c-Moll ist, zu beziehen, führt zu folgender
Chiffrierung mit Funktionszeichen:

Hier scheiden sich nun endgültig die Geister: An welcher Stelle wird
denn „umgeschaltet“ von c-Moll nach G-Dur? Gibt es überhaupt
Moll-Dominanten? Kann nach einem neapoletanischen Sextakkord wieder die
Tonika folgen? Um nun die Chopin-Analyse zu einem Abschluss zu bringen,
sei im Folgenden eine Möglichkeit der Auffassung von Takt 5 und 6
dargestellt:

Das „Umschalten“ erfolgt in der Musik natürlich fließend, in der
Analyse lässt es sich vielleicht am besten in Takt 5 auf Schlag 3,
zusammen mit dem Beginn der Dissonanzkette, anzeigen. Eine Inkonsistenz
mag den einen oder anderen an dieser Deutung vielleicht stören: Während
über den Basstönen h und b der gleiche Funktionsgrundton angenommen
wird, muss man bei den Harmonien über a und as von einem Wechsel von der
Subdominante in die Dominante ausgehen, der eingeklammerte Teil
bezeichnet also wiederum eine Kadenz. Man könnte jedoch den Akkord über
a auch als „verkürzten“ Dominantseptimakkord von D mit einem
Quartvorhalt g in der Mittelstimme betrachten. Dies führte zu folgender,
alternativer Interpretation:

Mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es weitere, von obenstehender
Analyse abweichende Blickwinkel, das Gehör lässt sich
schließlich soweit beeinflussen, dass man einen Akkord je nach „Voreinstellung“
funktional anders wahrnehmen kann. Es bleibt also nichts übrig, als den
sicheren Boden der Annahme zu verlassen, die Funktionstheorie sei eindeutig. Dieser Eindruck
entsteht manchmal angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der mit
Begriffen wie beispielsweise „Subdominantparallele“ umgegangen wird.
Dabei gibt es die „Subdominantparallele“ aber in Moll-Tonarten gar nicht, warum
kann es sie dann in Dur geben, und worin
unterscheidet sie sich vom berühmten „sixte ajoutée“? Warum wurde dieser
Begriff
für die Funktionstheorie mit neuer Bedeutung belegt, wenn in vielen
Analysen doch scheinbar wieder die rameausche Anschauung vorgezogen wird?
Wie sich am Beispiel des Chopin-Préludes zeigen ließ, hat man mit der
Funktionstheorie aber auch ein sehr ausgereiftes und vor allem allgemein
bekanntes Werkzeug zur Hand, mit dem sich anhand weniger Symbole sehr
differenziert bestimmte Zusammenhänge anzeigen lassen.