Kleiner Lehrgang zum Neapolitaner
Das erste Beispiel zeigt eine Kadenz, wobei in der Melodie eine Wechselnote erklingt.
Durch sie entsteht zum Basston d eine 6-5-Seitenbewegung.
Der Name ›Pathopoesis‹ kommt von griech. pathos (= Leiden) und poiesis (= machen).
Als Pathopoiesis konnte die durch Chromatik erzeugte Enge des Halbtonschritts bezeichnet
werden, wenn sie als Symbol für Schmerz bzw. einen besonderen Affekt angesehen wurde.
In diesem Sinne wirkt der Halbtonschritt (a–b) des zweiten Notenbeispiels ausdrucksstärker
als der Ganztonschritt (a-h) des ersten.
Wird die Länge der oberen Wechselnote (b in a-b-a) gedehnt, entsteht aus moderner
Sicht an der Position der Subdominante ein Dur-Sextakkord. Vom Hören her klingt
der Akkord allerdings nicht nach Dur, sondern wie ein ›erstarrter‹ 6-5-Vorhalt zu
einem Molldreiklang.
Die Wendung wurde durch ihren häufigen Gebrauch in der italienischen Oper des 17.
Jahrhunderts schnell zum Klischee. Eine klangliche Steigerung bestand in der Elision
(= Auslassung) der Verbindung zwischen oberer Wechselnote (b) und Dominantterz (gis).
Der auf diese Weise erzeugte verminderte Terzsprung (b und gis) ist wie die verminderte
Septime im 17. Jahrhundert gelegentlich als ›saltus duriusculus‹ (Christoph Bernhard) bezeichnet worden.