Musical set theory
Musical set theory (engl. set theory = Mengenlehre) bezeichnet den Versuch, die
mathematische Mengenlehre bzw. auch die Informatik für die musikalische Analyse
nutzbar zu machen. Herausragende Vertreter dieses Ansatzes sind unter anderen Allen
Forte und John Rahn mit dem System der pitch class sets (engl.
pitch = Tonhöhe, Stimmung, engl. class = Klasse, Kategorie, engl. set = Menge, Sammlung).
Sie bietet ein universelles Werkzeug, Zusammenklänge, oder auch eine sukzessive
Reihe von Tonhöhen zu einer Menge zusammenzufassen und diese eindeutig zu benennen.
Wenngleich diese Benennung auch sehr technisch und abstrakt anmutet, so hat sie
doch den Vorteil der Universalität: Sie lässt sich auch auf Musik anwenden, die
sich der konventionellen, auf tonale Musik hin ausgelegten Harmonielehre entzieht,
wie z. B. Zwölftonkompositionen.
pitch class (p.c.)
Eine pitch class ist die abstrakte Zusammenfassung aller Töne mit einem bestimmten
„Tonhöhencharakter“, wie z. B. alle Töne, denen wir den Namen „c“ geben würden.
Dabei spielt die Notation keine funktionale Rolle, d. h. auch jedes „his“ und jedes
„deses“ fallen in diese Kategorie. Die Theorie geht also davon aus, dass Oktavversetzungen
und enharmonische Umnotierungen eines Tones äquivalent sind. Demnach repräsentiert
eine pitch class unendlich viele Töne. Folgende Töne sind zum Beispiel nur einige
der Instanzen (=Repräsentanten) einer einzigen pitch class:

pitch interval (ip) und interval class (i. c.)
Der Abstand zweier pitches, das pitch interval wird der Einfachheit halber in Halbtönen
gemessen. So beträgt der Abstand zwischen c und e 4 Halbtonschritte und kann demnach
als ip4 angegeben werden. Auch Intervalle lassen sich in Klassen einteilen, wobei
hier jeweils Komplementärintervalle samt ihrer Oktavversetzungen zusammengefasst
werden, d. h.: Kleine Septime und große Sekunde (aber auch große None) sind Mitglieder
derselben interval class. Diese interval classes werden einfach durchnummeriert,
und es gibt ihrer logischerweise genau sechs verschiedene:
|
i. c.
|
1
|
2
|
3
|
4
|
5
|
6
|
|
enthält:
|
kleine Sekunde, große Septime, kleine None, usw.
|
große Sekunde, kleine Septime, große None, usw.
|
kleine Terz, große Sexte, verminderte Septime, usw.
|
große Terz, kleine Sexte, verminderte Quarte, usw.
|
reine Quarte, reine Quinte, reine Undezime, usw.
|
Tritonus, verminderte Quinte, übermäßige Undezime, usw.
|
pitch class set (p. c. set)
Als pitch class set bezeichnet man die konkrete Zusammenfassung verschiedener
pitch
classes zu einer Menge. Eine solche Sammlung kann aus gleichzeitig oder auch nacheinander
erklingenden Tönen gebildet werden. Sie entspricht im Wesentlichen dem Begriff „Akkord“
oder besser „Harmonie“ der herkömmlichen Harmonielehre. Ein Set beinhaltet also
sinnvollerweise die Klassen von pitches, die als zusammengehörig betrachtet werden.
Manchmal begegnet man auch dem synonym gebrauchten Begriff pitch class collection.
Ein Set kann aus 2 bis 12 pitch classes bestehen (mehr gibt es ja nicht in der chromatischen
Skala), wobei letzteres Set auch als aggregate (=dt. Menge, Gesamtheit) bezeichnet
wird, da es alle der Theorie nach existenten pitches (nämlich die chromatischen
Halbtöne) enthält.
Für die schriftliche Darstellung eines p. c. sets gibt es, um eine optimale Vergleichbarkeit
zu gewährleisten, bestimmte Konventionen. Eine davon, die sogenannte integer notation,
besagt, dass jedes pitch durch eine Ganzzahl dargestellt werden soll, indem man
einem Referenzton (in der Regel ist dies das c, theoretisch ist aber jeder andere
Ton genauso möglich!) den Wert „0“ zuweist und alle folgenden Halbtöne der chromatischen
Skala einfach ab „1“ aufsteigend durchnummeriert. Die Werte der pitches eines
Sets
werden dann, durch Kommata getrennt, in runden Klammern angegeben. So ließe sich
z. B. ein c-Moll-Dreiklang durch das Set (0,3,7) darstellen. „0“ für das
c, „3“
für das es (3 Halbtöne über dem c), „7“ für das g (7 Halbtöne über dem
c). Aber
auch ein f-Moll-Dreiklang könnte durch (0,3,7) ausgedrückt werden, da jedes
Set
zur besseren Vergleichbarkeit auf den Ursprung „0“ (in unserem Falle also das
c)
transponiert werden sollte. Eine weitere Konvention besagt, dass ein Set die enthaltenen
pitches auch von oben nach unten gelesen darstellen kann. Schreitet man vom
c nun
einmal 3 und einmal 7 Halbtöne abwärts, ist das Resultat ein F-Dur-Dreiklang, und
man wird sehr schnell feststellen, dass durch das Set (0,3,7) nicht nur der grundstellige
c-Moll-Dreiklang, sondern sämtliche Dur- und Moll-Dreiklänge in allen Lagen und
– wie im Folgenden noch gezeigt werden wird – Umkehrungen repräsentiert werden.
Das Set gibt also lediglich an, dass es sich um 3 verschiedene
pitch classes handelt,
die, in eine beliebige Richtung gelesen, die Intervallabstände von ip3 (von „0“
zu „3“) und ip4 (von „3“ zu „7“) haben. Um nun vom Notentext auf ein zugrunde liegendes
Set zu gelangen, das noch dazu so eindeutig dargestellt werden kann, dass ein Vergleich
mit anderen Sets nicht zu mühevoller mathematischer Knochenarbeit wird, gibt es
mehrere Wege, sowohl mathematischer Natur, als auch durch Überlegungen am Notentext.
Im Folgenden wird eine mögliche Verfahrensweise vorgestellt, die sich sehr schnell
bewerkstelligen lässt und relativ fehlerunanfällig ist.
normal order
Unter normal order versteht man diejenige Anordnung eines p. c. sets, bei der die
äußeren beiden Vertreter das kleinstmögliche Intervall bilden. Dies lässt sich am
bequemsten durch folgende drei Arbeitsschritte bewerkstelligen (als Beispiel dient
hier ein Ausschnitt aus der Stimme der ersten Klarinette zu Beginn von A. Schönbergs
Op. 6,5):

In manchen Fällen kommt dieses größte Intervall mehr als einmal vor, dann gibt es
zwei oder mehr Varianten der normal order, die alle bei den weiteren Berechnungen
berücksichtigt werden müssen.
Um das Schönberg-Set mit „0“ beginnen zu lassen, gibt es jetzt zwei Möglichkeiten:
man transponiert alle Töne so, dass der erste ein c ist, was jedoch leicht zu Fehlern
führen könnte. Besser ist vielleicht, den Referenzton vom c auf das
ais zu verlegen,
dann beginnt die obige normal order bereits mit „0“. Wenn man sich nun noch zwischen
zwei Noten die jeweiligen pitch intervals notiert, braucht man diese nur noch der
Reihe nach aufzuaddieren und nach der Null in die Mengenklammer einzutragen:

best normal order und prime form
Die oben ermittelte normal order ist nicht der alleinige Repräsentant dieses
Sets,
denn, wie bereits erwähnt, kann ein Set auch rückwärts gelesen, bzw. die Intervalle
des Sets vom Referenzton abwärts gebildet werden. Dieser Vorgang heißt Umkehrung
oder inversion. Um die inversion dieses Sets zu bilden, können nun die
pitch intervals
von rechts nach links aufaddiert werden, ausgehend von fis als
pitch mit dem Wert
„0“, oder aber man löst dies auf mathematischen Wege, indem man einfach die Menge
der normal order rückwärts schreibt und von der höchsten Zahl (also der letzten
Zahl der normal order) subtrahiert:
inversion von ( 0 , 1 , 4 , 6 , 7 , 8 ) = ( 8 – 8 , 8 – 7 , 8 – 6 , 8 – 4 , 8 –
1 , 8 – 0 ) = ( 0 , 1 , 2 , 4 , 7 , 8 )
Als best normal order bezeichnet man die Version eines Sets (inklusive aller möglichen
Transpositionen und Umkehrungen), das von dem kleinstmöglichen Intervall umschlossen
wird und mit den kleinstmöglichen Intervallen beginnt. Das heißt: Die oben gebildete
Umkehrung (0,1,2,4,7,8) hat – von links nach rechts gelesen – kleinere Intervalle
zu Beginn als die ursprüngliche normal order (0,1,4,6,7,8) und ist somit eine
better
normal order oder, da es in diesem Falle nur zwei normal orders gibt, die
best normal
order. Die best normal order repräsentiert zugleich immer auch die
prime form (=dt.
„Primärgestalt“) eines pitch class sets. Der Unterschied zwischen den Begriffen
best normal order und prime form besteht eigentlich nur darin, dass erster die Gestalt
des Sets in pitches oder Tönen ausdrückt, während letzter die Gestalt in Zahlen
verkörpert. Allan Forte hat die für die musikalische Analyse relevanten
prime forms
zusammengestellt und systematisiert. Das Schönberg-Set hat demnach den Namen „6-Z17“,
welcher in folgende Bestandteile zerlegt werden kann: Die erste Zahl („6“) gibt
die Kardinalität des Sets, d. h. die Anzahl der Elemente (sprich:
pitch classes)
in dieser Menge an; die zweite Zahl („17“) ist die Ordnungszahl, die bei der Nummerierung
auf dieses Set gefallen ist, und das vorangestellte „Z“, welches bei den meisten
Set-Namen fehlt, deutet auf eine Besonderheit dieses Sets hin, auf die im folgenden
Abschnitt noch näher eingegangen wird.
interval vector oder interval class vector (i. c. vector)
Die weiter oben angesprochenen 6 interval classes finden nun, da die
prime form
des Sets ermittelt ist, endlich ihre Anwendung: Von jeder prime form lässt sich
ein so genannter interval (class) vector ableiten, der anzeigt, wie oft jede dieser
6 interval classes in einem Set vorkommt. Aus diesem Grund beinhaltet der Intervallvektor
auch genau 6 Werte, umschlossen von eckigen Klammern. Um den interval vector zu
ermitteln, muss jedes Element eines Sets auf Basis der interval classes miteinander
verglichen werden. In einem Set aus sechs Elementen müssen also 5 + 4 + 3 + 2 +
1 = 15 Intervalle berechnet werden. Diese alle am Notentext zu ermitteln, wäre sehr
aufwändig und unübersichtlich, sodass auch hier wieder der mathematische Weg als
der sinnvollere erscheint: Man subtrahiert von jedem Element eines Sets sämtliche
kleineren Werte, ausgehend vom größten Wert. In anderen Worten: Man fängt mit der
Zahl ganz rechts an, subtrahiert von ihr alle Zahlen, die links von ihr stehen,
und schreibt das Ergebnis in eine Tabelle mit den Spalten von 1 bis 11. Da das größte Intervall
des Schönberg-Sets aus 8 Halbtönen besteht, bleiben die letzten drei Spalten leer.
Das Intervall mit 6 Halbtonschritten ist der Tritonus und somit die Teilung der
Oktave, demnach sind alle Intervalle mit mehr als 6 Halbtonschritten Komplementärintervalle
der ersten fünf, und zwar in spiegelverkehrter Reihenfolge. In anderen Worten: Wenn
ein Intervall n Halbtonschritte umfasst, hat sein Komplementärintervall 12 –
n Halbtonschritte,
und beide sind Instanzen derselben Intervallklasse:

Der diesem Set zu Grunde liegende interval vector ist also [322332], das bedeutet,
es sind 3 Instanzen der i. c. 1 im Set enthalten,
2 Instanzen der i. c. 2, usw.
Viele pitch class sets haben einen ihnen eigenen, einmaligen
interval vector. Es gibt
jedoch Sets, die sich in ihrer prime form zwar voneinander unterscheiden,
jedoch einen identischen Intervallvektor besitzen. Diese Art der Verwandtschaft
wird Z-relation genannt, man spricht von Z-related p. c. sets oder
Z-mates. Allan
Forte arbeitete diese Besonderheit in seine Nomenklatur ein, indem er in den
Set-Namen
ein „Z“ vor die Ordinalzahl stellte. Das Beispiel-Set von Schönberg (6-Z17) z. B.
ist Z-related mit dem Set 6-Z43, welches zwar eine andere
prime form, nämlich (0,1,2,5,6,8),
aber denselben interval vector [322332] hat.
Hinweise
Anschließend sei noch bemerkt, dass die Schreibweisen in der p. c. set theory bei
verschiedenen Autoren zum Teil von einander abweichen. Statt der Literale „10“ oder
„11“ in der prime form findet man bisweilen „T“ („ten“) bzw. „E“ („eleven“), oder
auch „A“ bzw. „B“ als Anlehnung an die Schreibweise im hexadezimalen Zahlensystem.
Außerdem begegnet man mitunter statt runder auch eckigen Klammern bei Angaben einer
normal order bzw. prime form, und Intervallvektoren werden gelegentlich auch mit Kommata
zwischen den Zahlen geschrieben.
Auch zur Ermittlung der prime form gibt es verschiedene Verfahrensweisen. Forte
berechnet, im Gegensatz zu Rahn, bei folgenden fünf Sets die prime form derart,
dass die kleineren Intervalle von rechts gelesen erscheinen:
|
Forte-Name
|
prime form nach Forte
|
prime form nach Rahn
|
|
5-20
|
(0,1,5,6,8)
|
(0,1,3,7,8)
|
|
6-Z29
|
(0,2,3,6,7,9)
|
(0,1,3,6,8,9)
|
|
6-31
|
(0,1,4,5,7,9)
|
(0,1,3,5,8,9)
|
|
7-20
|
(0,1,2,5,6,7,9)
|
(0,1,2,4,7,8,9)
|
|
8-26
|
(0,1,3,4,5,7,8,A)
|
(0,1,2,4,5,7,9,A)
|
Links
Präsentation: Pitch-Class-Set-Theory - Eine praktische Anleitung zum Bestimmen von Pitch-Class-Sets