Formbegriffe der Pop- und Rockmusik

Das folgende Tutorial basiert inhaltlich auf dem in der Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheoriepublizierten Aufsatz Babylonian confusion. Zur Terminologie der Formanalyse von Pop- und Rockmusik von Ulrich Kaiser. Die Begriffsdefinitionen sind wörtliche Zitate aus diesem Beitrag. Die Analysediagramme wurden mit AnaViserstellt.)

Die folgenden Begriffe der Populären Musik werden meist intuitiv verwendet:

Doch weil die Bedeutung der Begriffe unklar ist, verwundert es wenig, dass ein und derselbe Formteil einmal so und einmal anders benannt wird. Die folgende Beispiele zeigen einige Probleme in der Verwendung der Begriffe auf. Im Anschluss daran werden Definitionen gegeben, die den Begriffen eine sinnvolle und möglichst eindeutige Bedeutung zuweisen.

Refrain, Strophe, Verse und Chorus

In englischsprachigen Pulikationen beispielsweise von Walter Everettund Ken Stephensonwird der Begriff Refrain für eine Textzeile am Ende von Strophen verwendet. Viele bekannte Songs wie zum Beispiel I Want To Hold Your Handvon den Beatles oder The Show Must Go Onvon Leo Sayer werden durch einen Refrain in diesem Sinne charakterisiert:

Leo Sayer - The Show Must Go On


The Show Must Go On (1973)
Text und Musik: Leo Sayer und David Courtney
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Die Zeile »But I won't let the show gon on« am Ende der Strophen als Refrain des Songs zu bezeichnen, steht darüber hinaus im Einklang mit einer Erklärung im Deutschen Wörterbuchder Brüder Grimm:

kehrreim, m. für refrain vorgeschlagen und gebraucht von Bürger [...], reim der am ende jeder strophe wiederkehrt; an der letztern stelle rät er auch kehrsatz m., und kehrum m.; auch kehrzeile hat man dafür gebraucht

Der Song The Show Must Go Onweist nur einen musikalischen Formteil auf, der zu jeder Strophe wiederholt wird. Die Vertonung einer Strophen wird üblicher Weise als Versebezeichnet.
Ein Problem ensteht dadurch, dass im deutschsprachigen Raum der Begriff Refrainnicht für eine Textzeile, sondern für einen größeren Musik- und Textabschnitt steht. In dem Song California Girlder Beach Boys beispielsweise wechseln sich im Verlauf des Songs zwei Abschnitte ab. Die musikalische Gestaltung zum Text »I wish they all could be california girl [...]« wird dabei üblicher Weise als Refrain oder Chorus bezeichnet:

Beach Boys - California Girl


California Girl (1965)
Text und Musik: Brian Wilson und Mike Love
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Als Refrain können also sowohl eine einzelne Textzeile (zum Beispiel am Anfang oder Ende einer Strophe) sowie längere sich wiederholende Textabschnitte und die dazugehörige Musik bezeichnet werden. Das Problem wird verschäft, wenn man sich englischsprachige Definitionen zum Choruskursiv">Chorusanschaut:

The arrival of a group of singers usually marks the beginning of (in fact provides the name for) the Chorus. The entrance of other Instruments (strings, for instance) can help deliniate the form as well.   (Covach 2005, S. 126)
In addition of the lyric function, the larger-than-life Chorus often has a thicker texture, and perhaps more dramatic harmonies, melodic shape, or rhythms than are characteristics of the verse, which often settles down to its individualistics, sometimes intimate nature.   (Everett 2009, S. 145)

Denn der Name Chorusverweist dem Ursprung nach auf eine musikalische Struktur bzw. eine Soundeigenschaft und nicht auf einen wiederkehrenden Text. Wie ist daher mit Songs zu verfahren, die einen Chorus bzw. einen wiederkehrenden und musikalisch hervorgehobenen Abschnitt haben, aber keinen Text, der in diesen Formteilen wiederholt wird? Das trifft zum Beispiel auf den Song The Winner Takes It Allr Takes It Allder Popformation ABBA zu:

ABBA - The Winner Takes It All

The Winner Takes It All (1980)
Text und Musik: Benny Andersson und Björn Ulvaeus
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Durch die höhere Gesangslage und die ausdrucksvollen Septimsprünge erkennt man in The Winner Takes It Allzwar einen Chorus, doch in diesem Abschnitten erklingt nie der gleiche Text (selbst die Titelzeile wird nicht in jedem Chorus gesungen). Man könnte daher sagen, dass ABBA's Welthit zwar einen Chorus (= hervorgehobener musikalischer Abschnitt), jedoch keinen Refrain (= wiederkehrenden Text) hat.
Darüber hinaus gibt es Songs, die einen Refrain haben, jedoch keine musikalisch hervorgehobene Gestaltung aufweisen:
 

Rare Bird - Sympathy

Sympathy (1969)
Text und Musik: Dave Kaffinetti, Mark Ashton, Stephen Gould und Graham Field
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In diesem Song wirkt zwar jeder musikalische Abschnitt gegenüber dem vorhergehenden wie eine Intensivierung, jedoch keine der Soundgestaltungen ist herausragend und wird wiederholt, so dass es angemessen wäre, sie als Chorus zu bezeichnen.
Möchte man aus diesen Beobachtungen Konsequenzen ziehen, liegt es nahe, die Begriffe Verse und Chorus vollkommen unabhängig von den Begriffen Strophe und Refrain zu definieren. Diese Unabhängigkeit ermöglich es, einen Chorus (= musikalisch hervorgehobener Abschnitt) als Vertonung einer Strophe (= nicht wiederkehrender Text) und einen Verse (= zurückgenommener Charakter) als musikalische Gestaltung eines Refrains (= wiederkehrender Text) zu bezeichnen. Die Graphik veranschaulicht die Möglichkeiten:

Möglichkeit 1 2 3 4
Text Strophe Refrain Strophe Refrain
Musik Verse Verse Chorus Chorus

Es ergeben sie die folgenden Definitionen:

Definition Strophe/Refrain:Die deutschen Begriffe ›Strophe‹ und ›Refrain‹ beziehen sich auf Text und nicht auf Musik. Als ›Strophe‹ werden verschiedene, in Länge, Syntax, Reimschema etc. korrespondierende Einheiten eines Songtextes bezeichnet. Mit ›Refrain‹ wird dagegen ein Textabschnitt benannt, der im Songverlauf unverändert bzw. nahezu unverändert wiederkehrt und der vom Umfang her ein Gegengewicht zu den Strophen bildet.

Definition Verse/Chorus:Die englischen Begriffe ›Verse‹ und ›Chorus‹ beziehen sich auf Musik und nicht auf Text. Verse und Chorus sind musikalische Abschnitte, die in einem Song mehrfach wiederkehren. Ein ›Verse‹ moduliert üblicherweise nicht und beginnt oder endet meist auf der ersten oder fünften Stufe. Auffälligstes Merkmal des ›Chorus‹ ist die Steigerungsfunktion gegenüber dem Verse, die sich auf sehr vielfältige Weise vermitteln kann (z.B. über eine einprägsame oder in einer höheren Oktavlage erklingenden Melodik, komplexere Harmonik, Variation des Drum-Patterns, Änderung des Time-Feelings, exponierte Soundgestaltung etc.). Der Gesang sowohl im Verse als auch im Chorus kann durch solistisches Instrumentalspiel ersetzt werden (= ›instr. Verse‹ bzw. ›instr. Chorus‹).

Definition Refrainzeile/Headline:Um Mehrdeutigkeiten zu vermeiden, wird der Begriff ›Refrain‹ nicht zur Kennzeichnung einer wiederkehrenden Textzeile wie zum Beispiel in Sunny von Boby Hebb verwendet. Hierfür sowie für kurze Textphrasen (die in der Regel den Titel des Songs enthalten) wie zum Beispiel Hey Jude in Paul McCartneys gleichnamigem Song wird der Terminus ›Refrainzeile‹ vorgeschlagen. Eine Refrainzeile tritt charakteristischerweise am Anfang oder Ende einer Strophe oder eines Refrains in Erscheinung. Die mehrfache Wiederholung einer Refrainzeile kann einen Refrain bilden. Eine musikalisch prägnante Gestaltung der Refrainzeile heißt ›Headline‹.
 

Dadurch, dass Verse oder Chorus nicht über das Erscheinen eines Textes definiert worden sind, ist es auch sinnvoll, von einem instrumentalen Verse oder einem instrumentalen Chorus zu sprechen. Ein instrumentaler Verse oder Chorus muss dabei die Merkmale eines gesungenen Verse oder Chorus aufweisen, nur dass der ›Gesang‹ hier von einem Instrument (z.B. einer E-Gitarre oder einem Klavier) übernommen wird. In einigen Stücken haben die singende E-Gitarre oder das Klavier sogar eine textausdeutende Funktion (z.B. in dem Song While My Guitar Gently Weeps von George Harrsion oder in Was ich Dir sagen willvon Udo Jürgens). In bestimmten Stilistiken kann man darüber hinaus einige formale Standards antreffen, z.B. ist in Bluessongs und Rock'n-Roll-Titeln häufig der fünfte Abschnitt ein instrumentaler Verse:

Beispiel - Instrumentaler Verse im Rock'n Roll

Big Joe Turner - Shake, Rattle & Roll
Text und Musik: Jesse "Charles Calhoun" Stone
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Im fünften Verse erklingt in Shake, Rattle & Rollein solistisches Saxophon. Harmonische Grundlage der Verse-Abschnitte ist das Bluesschema. Im Sinne der hier gegebenen Definitionen hat Shake, Rattle & Rollkeinen Chorus, obwohl im vierten, siebten und neunten Verse ein Refrain erklingt. Denn in diesen Verse-Gestaltungen singt Big Joe Truner zwar eine andere Melodie, eine melodische Variation alleine rechtfertigt jedoch noch nicht die Bezeichnung ›Chorus‹ (in diesem Fall bestenfalls die Bezeichnung ›Verse II‹). Denn für einen Chorus wäre eine herausgehobene musikalische Gestaltung notwendig, was für den vierten, siebten und neunten Abschnitt in Shake, Rattle & Roll nicht zutrifft. Viele Blues- und Rock'n-Roll-Songs und lassen sich aus den genannten Gründen angemessen als reine Verse-Form verstehen.

In Rockmusik erklingt dagegen ein instrumentaler oder instrumental/vokal geteilter Verse oder Chorus oft nach einer kontrastierenden Bridgewie z.B. in Humanityder Scorpions. Auch am Ende eines Songs wie zum Beispiel in You And Iderselben Formation oder Hotel Californiader Eagles kommen instrumentale Gestaltungen eines Verse oder Chorus vor. Darüber hinaus kommt ein instrumental-vokal geteilter Chorus am Anfang eines Songs oder nach einer Introvor wie beispielsweise in der Album-Version des Rock-Klassikers God Gave Rock'n Roll To Youder Gruppe Kiss:

Beispiel - Instrumental-vokal geteilter Verse im Rock

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Intro und Outro

Die Begriffe Intro und Outro sind recht eindeutig: Alles vor dem Einsatz des Gesangs wird üblicher Weise als Intro bezeichnet und der letzte Abschnitt eines Songs heißt Outro. Ken Stephenson definiert beispielsweise:

In general, any instrumental music occurring before the entrance of the voice is called an Introduction, even when the passage consists of only one chord, as in the Beatles’ ›A Hard Day’s Night.‹ […]

Doch eine solche Definition ist nicht unproblematisch, wenn man sich erinnert, dass ein instrumentaler Verse oder Chorus nicht nur im Verlauf, sondern sehr gut auch am Anfang oder Ende eines Songs erscheinen kann. Das Problem lässt sich anhand des eben gezeigten Songs God Gave Rock'n Roll To Youveranschaulichen, denn in Live-Versionen (z.B. Rock am Ring 2010) spielen Kiss den Song oft ohne Intro:

Beispiel - Beginn mit einem instrumentalen Verse

God Gave Rock'n Roll To You (Kiss 1991) - Live-Aufnahme ›Rock am Ring‹ 2010
Musik und Text: Russ Ballard und Rod Argen

Nach der Definition von Ken Stephenson müsste der erste instrumentale Abschnitt als Intro bezeichnet werden, doch wäre es verwirrend, denselben Abschnitt in der Albumversion als Chorus und in der Liveversion als Intro zu bezeichnen. Auch in ABBA's The Winner Takes It Allwurden die Abschnitte vor dem Einsetzen des Gesangs Chorus genannt, weil ein instrumentaler Chorus den Song beginnt und es wäre wenig überzeugend, diese Abschnitte hier anders zu benennen als im Verlauf des Songs.

In vergleichbarer Weise sollte auch ein Chorus, der am Ende eines Songs ausgeblendet wird, als solcher und nicht als Outro bezeichnen werden. Denn auch hier wäre es denkbar, dass derselbe Formteil in einer Albumversion anders als in einer Radioversion bezeichnet werden müsste (zum Beispiel wenn er im Radio aus programmtechnischen Gründen vorzeitig ausgeblendet wird). Die Albumversion von God Gave Rock'n Roll To Youendet in diesem Sinne mit einem Chorus (to fade).
Somit ergeben sich die folgenden Definitionen:

Definition Intro/Outro:›Intro‹ heißt ein einmalig am Anfang eines Songs, ›Outro‹ ein einmalig am Ende eines Songs auftretender Abschnitt. Beide Formteile unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Gestaltung von Verse und Chorus und sind durch einen hinführenden bzw. schließenden Charakter gekennzeichnet. Daraus folgt, dass Verse und Chorus auch dann nicht als Intro bzw. Outro bezeichnet werden, wenn ihre Formfunktion z.B. durch ein Fade-In bzw. Fade-Out als eindeutig ›einleitend‹ bzw. ›endend‹ wahrgenommen wird.

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Die Bridge

Für ein tieferes Verständnis des Bridge-Formteils ist es notwendig, die Form von populärer Musik aus Nordamerika vor dem Zweiten Weltkrieg in den Blick zu nehmen. Tin-Pan-Alley (engl.: Blech-/Zinnpfannengasse) wurde damals scherzhaft die 28. Straße zwischen Fifth Avenue und Broadway bezeichnet, in der das Herz der amerikanischen Unterhaltungsmusik schlug. Die hier ansässigen Songschreiber schufen zahlreiche Kompositionen (sogenannte ›Sheet-Music‹), die aus einem kurzen ›Verse‹ und einen gewichtigeren ›Refrain‹ bestanden. Um Verwechslungen mit den Begriffen der Pop- und Rockmusik zu vermeiden, wird hier der Vorschlag von John Covachübernommen, diese Abschnitte als Sectional-Verse(= SV) und Sectional-Refrain (= SR) zu bezeichnen. Ein Sectional-Refrain wies einen standardisierten Formverlauf auf: Er begann üblicher Weise mit der Struktur AABA, ABAA oder ABAC, die anschließend ganz oder auch nur teilweise wiederholt werden konnte:

Diese AABA-Struktur des Sectional-Refrains wird dabei von Walter Everett auch als Sonderform des SRDC-Schemas bezeichnet:

I've Got The World On A Stringvon Harold Arlen wurde 1932 von Harold Arlenfür den berühmten Cotton Clubin Harlem/New York geschrieben. Der Song besteht aus einem Sectional-Verse (»Mery month of May...«) und einem Sectional-Refrain mit der Struktur AABA:

Die folgende Abildung zeigt die Form des Songs einer Aufnahme durch January Jones. Schön zu sehen ist hier, dass nach dem Sectional-Refrain mit der AABA-Struktur sowohl der B- als auch der A-Teil noch einmal wiederholt werden:

Beispiel - AABA-Songform

I've Got the World on a Stringin der Interprtation von January Jones
Musik und Text: Harold Arlen und Ted Koehler
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Wie viele und welche Formteile im Sectional-Refrain eines Tin-Pan-Alley-Songs nach Ablauf des Schemas (AABA, ABAA oder ABAC) wiederholt wurden, war variabel und konnte sich von Aufnahme zu Aufnahme unterscheiden. In der Interprtation des Titels durch John Bennett beispielsweise wird der B-Teil nicht, der A-Teil dagegen noch dreimal wiederholt, wobei eine A-Abschnitt nach der ersten Bridge üblicher Weise instrumental erklingt:

Beispiel - AABA-Songform

I've Got the World on a String in der Interpretatioen von Tony Bennett
Musik und Text: Harold Arlen und Ted Koehler

Der Einfluss des AABA-Formverlaufs auf einige Pop- und Rock-Bands der 1960er Jahre war sehr groß. Zwar schwand der Einfluss der Broadway-Songschreiber des Brill Buildingdurch Interpreten-Songschreiber wie Lennon/McCartney, die etablierten Songformen prägten jedoch auch das Werk zahlreicher Autoren späterer Zeit. Typisch für den Brill-Building-Pop war nach dem AABA-Schema die Wiederholung des B-Kontrastteils sowie ein bis zwei weitere Wiederholungen des A-Teils (z.B. AABABA). In der Beatmusik wird dabei der A-Teil als ›Verse‹ und der B-Teil als ›Bridge‹ bezeichnet. Chains, eine auf dem ersten Album Please Please Me(1963) der Fab Four veröffentlichten Coverversionen der Brill-Building-Autoren Gerry Goffin and Carole King, zeigt diesen typischen, braodway-beeinflussten formale Ablauf:

Beispiel - Verse-Bridge-Songform

Chains (Beatles 1963)
Musik und Text: Gerry Goffin and Carole King
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Jeder Verse beginnt mit der Refrainzeile »Chains (my baby's got me locked up in chain)«, in der letzten Zeile wird das »Chains« darüber hinaus wiederholt.
Ebenfalls auf diesem Album befindet sich der Titel Do You Want To Know A Secret, dessen Verlauf noch stärker an ursprüngliche Broadway-Formgestaltungen erinnert: Einer vokalen Intro (= Sectional-Verse) folgt eine AABA-Form ohne Wiederholungen (= Sectional-Refrain), wobei die Abschnitte des AABA-Verlaufs in der Beatmusik üblicher Weise als Verse und Bridge bezeichnet werden:

Beispiel - AABA-Songform

Do You Want To Know A Secret
Musik und Text: John Lennon und Paul McCartney
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Ken Stephenson hat durch eine Graphik veranschaulicht, auf welche Weise sich die für Rockmusik und Mainstream-Pop typische Verse-Chorus-Bridge-Form aus der AABA-Songform entwickelt haben könnte:

Entwicklung der Verse-Chorus-Bridge-Form aus der AABA-Songform

Der Chorus könnte sich aus der Refrainzeile entwickelt haben, wenn diese am Ende und nicht − wie in den Beispielen zuvor − am Anfang des Verse erklingt. Auch herfür findet sich ein schönes Beispiel im Repertoire der frühen Beatles: Till There Was Youist eine Coverversion des gleichnamigen Titels aus dem Musical Music Manvon Meredith Willson .

Beispiel - AABA-Songform

Till There Was You von Meredith Wilson interpretiert von den Beatles (1963).
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Durch die Dinsey-Produktion des Musicals aus dem Jahre 2003 ist eine weitere Fassung des Songs bekannt geworden. Während sich bei den Beatles nach der AABA-Form die Folge ABA anschließt, werden im Film lediglich die Bridge und ein Verse wiederholt:

Beispiel - AABA-Songform

Till There Was You
in der Interpretation von Kristin Chenoweth und Matthew Broderick
in der Disney-Produktion (2003) des Musicals Music Man von Meredith Willson.

Erklingt die Refrainzeile am Ende der Verse-Gestaltungen einer AABA-Form, kann diese beispielsweise dadurch musikalisch an Gewicht gewinnen, dass sie − wie beispielsweise in dem Song Ticket To Ride(1965) der Beatles − wiederholt wird:

Beispiel - AABA-Songform

Ticket To Ride
Musik und Text: John Lennon und Paul McCartney
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Erfährt nun eine solche Wiederholung der Refrainzeile eine eigenständige musikalische Gestaltung, so wird sie nicht mehr als unselbständiger Bestandteil des Verse angesehen, sondern bildet einen eigenen musikalischen Attraktionspunkt, der üblicher Weise als Chorusbezeichnet wird. Hierfür ist der Beatles-Song Please Please Me(1963) ein anschauliches Beispiel:

Beispiel - AABA-Songform

Please Please Me
Musik und Text: John Lennon und Paul McCartney
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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Formteil ›Bridge‹ vorwiegend in zwei konkurrierenden Formmodellen vorkommt:
1.) In der Verse-Bridge-Form: Auffälliges Merkmal dieser Form ist, dass der Formteil Bridge zweimal vorkommt. Er erscheint üblicher Weise erstmalig nach dem zweiten Verse und wird nach einem weiteren Verse wiederholt (AABABA).
2.) In der Verse-Chorus-Bridge-Form: In diesem Formmodell erscheint die Bridge charakteristischer Weise nur einmal und zwar häufig nach zwei Verse-Chorus-Paaren.

Definition Bridge:In der Verse-Bridge- und der Chorus-Bridge-Form ist die Bridge ein Formteil, der kontrastierend, aber nicht steigernd wirkt. Die fehlende Steigerungsfunktion gegenüber dem Verse unterscheidet die Bridge von einem Chorus. In der Verse-Bridge-Form kommt die Bridge in der Regel zweimal vor, ein Chorus hingegen fehlt. [...]Die Bridge findet sich üblicherweise erstmalig zwischen zweitem und drittem Verse [...](AABA), ihr zweites Auftreten resultiert aus einer vollständigen oder partiellen Wiederholung des AABA-Schemas. Der Text in der ersten und zweiten Bridge kann gleich (wie zum Beispiel in I Want To Hold Your Hand der Beatles) oder verschieden sein (wie beispielsweise in Leningrad von Billy Joel).
In der Verse-Chorus-Bridge-Form wird dagegen als Bridge (bzw. Primary Bridge) ein umfangreicherer Formteil bezeichnet, der üblicherweise einmal vorkommt und zum Vorhergehenden kontrastierend wirkt. Die Bridge erklingt im Rahmen dieses Formmodells in der Regel als Verbindung zwischen zwei Verse-Chorus-Paaren und weiteren Verse- und/oder Chorus-Wiederholungen. Eine Bridge ist mit gesungenem Text und auch instrumental möglich.

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Das instrumental Solo

In der deutschsprachigen Wikipedia findet sich zum ›Solo (Musik)‹ der folgende Eintrag:

Ein Musiksolo (lat. solo: "allein"; Pl. Soli) ist ein Element eines Musikstückes, bei dem der Solist ein Instrument alleine oder akustisch herausgehoben im Vordergrund in Begleitung anderer Instrumente spielt.

Als Beispiele für ein Instrumental Solo werden Comfortably Numbvon Pink Floyd, Stairway to Heavenvon Led Zeppelin, Firth of Fifthvon Genesis, November RainGuns N’ Rosessowie Master of Puppetsund Orion von Metallica genannt. Analysiert man diese Stücke, wird das Problematische der Begriffsverwendung schnell offensichtlich:

Beispiel - Instrumental Solo

Firth Of Fifth (Genesis 1973)
Musik und Text: Tony Banks, Phil Collins, Mike Rutherford, Peter Gabriel und Stephen Hackett
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In Firth Of Fifth von Genesis erklingen nach einer Intro, einer verkürzten AABA-Form und einem Zwischenspiel (= Interlude) vier musikalisch individuell gestaltete Abschnitte, in denen solistische Instrumente erklingen (Flöte, Piano, Syntesizer und E-Gitarre). Der Begriff kann hier also − wie die Begriffe Verse und Chorus auch −  musikalische Abschnitte benennen, die eine spezifische musikalische Gestaltung aufweisen und in denen solistisches Instrumentalspiel zu hören ist. Anders verhält es sich dagegen in Comfortably Numbder Gruppe Pink Floyd:

Beispiel - Instrumental Solo

Comfortably Numb (Pink Floyd 1979)
Musik und Text: David Gilmour und Roger Waters
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In diesem Song lässt sich die Bezeichnung Solonur auf Verse- oder Chorus-Formteile beziehen, in denen die berühmten Gitarrensoli von David Gilmour zu hören sind. Der Begriff wird hier auf einer anderen semantischen Ebene als die Begriffe Verse, Chorus , Intround Outroverwendet, da die musikalische Beschaffenheit der Formteile Verse und Chorus vernachlässigt und Besetzung bzw. Spielweise als primäre Eigenschaft angesehen werden.
Diese Begriffsverwendung bereitet erhebliche Probleme in der Analysepraxis. Häufig zum Beispiel erklingt nach einer Bridge eine instrumental/vokal geteilter Verse:

Beispiel - instrumental/vokal geteilter Verse (Beispiel wird noch ergänzt)

I Was Made For Loving You (Kiss 1979) - Aufnahme eines Konzerts in Australien 2003
Musik und Text: Desmond Child, Paul Stanley und Vini Poncia
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Würde sich der Begriff Sololediglich auf die Besetzung und nicht auf die musikalische Beschaffenheit des Formteils beziehen, dürfte man instrumental/vokal geteilte Abschnitte nach einer Bridge nicht mehr als Verse bezeichnen, darüber hinaus könnte es im Blues oder in der AABA-Form keine instrumentalen Verse- oder Bridge-Gestaltungen geben oder man könnte keinen einleitenden instrumentalen Chorus mehr als solchen bezeichnen (vergleiche hierzu die Analysen oben). Musikalisch angemessener ist es daher, zwischen einem instrumentalen Verse, instrumentalen Chorus und Instrumental Soloo(als eigenständigen musikalischen Abschnitt) zu unterschieden. Songs wie Hotel Californiader Eaglesweisen demnach keine Soli als Formteile auf, sondern wären durch instrumentale Verse-Gestaltung charakterisiert:

Beispiel - Instrumentaler Verse

Hotel California (Eagles 1976)
Musik und Text: Don Felder, Glenn Frey und Don Henley
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Aus diesem Grunde wird die folgende Definition vorgeschlagen:

Definition Instrumental Solo:Als ›Solo‹ bzw. ›Instrumental Solo‹ werden Formteile bezeichnet, die einen improvisatorischen Charakter haben und in denen ein oder mehrere Instrumente solistisch hervortreten. Ein ›Solo‹ kann sich einerseits stilistisch von den übrigen Teilen eines Songs stark unterscheiden, andererseits aber auch im Stil eines Songs auftreten, wenn beispielsweise solistisches Instrumentalspiel zur andauernden Wiederholung einer kurzen Harmoniefolge erklingt (Vamp). Das Auftreten eines solistischen Instruments in Verse, Chorus oder Bridge wird hingegen nicht als Solo bezeichnet. Hierfür stehen die Bezeichnungen ›instrumentaler Verse‹, ›instrumentaler Chorus‹ oder ›instrumentale Bridge‹ zur Verfügung.

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Interlude

Im Lexikon der populären Musikvon Peter Wicke, Kai-Erik und Wieland Ziegenrücker findet sich zum Stichwort Interlude der folgende Eintrag:

Interlude [engl., 'intelud]: Zwischenspiel; ein häufig mit Intro oder auch Coda korrespondierender Teil des Arrangements.

Nicht selten werden Verse-Chorus-Paare durch Abschnitte getrennt, denen die Funktion einer Verbindung zukommt, die sich musikalisch auf Intro oder Outro beziehen und die sich im Sinne der lexikalischen Dfinition angemessen als Interlude bezeichnen lassen. An dem Song American Idiotvon Green Day lässt sich dieser Sachverhalt gut demonstrieren:

Beispiel - Interlude

American Idiot (Green Day 2004)
Musik und Text: Billie Joe, Green Day
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Interludes verbinden in diesem Song das erste und zweite Verse-Chorus-Paar sowie den zweiten und dritten Chorus.
Häufig findet sich in Pop-/Rocksongs nach einer Bridge ein partial Verseoder auch partial Chorus. Obwohl American Idiotkeinen Kontrastteil bzw. keine Bridge aufweist, erklingt im letzten Drittel des Songs ein part. Verse. Musikalisch reizvoll ist, dass in diesem Fall der part. Verse nicht einfach nur um die Hälfte verkürzt erklingt, sondern dass er durch Weglassen instrumentaler Einwürfe wie ein ›Zeitraffer‹ vorangegangener Verse-Gestaltungen wirkt.
Insbesondere, wenn auf die musikalische Entsprechung von Interlude und Intro/Outro verzichtet wird, steht mit Interlude ein sehr flexibler Begriff zur Verfügung, Abschnitte zwischen Hauptbestandteilen eines Songs zu bezeichnen..
Eine Besonderheit lässt sich in der Verbindung von Verse-Abschnitten durch Interludes in Hymnvon Barclay James Harvest beobachten. Hier werden die Verse-Teile durch zweitaktige Interludes verbunden, wobei die sich über den ganzen Titel ersteckende Steigerung nicht ungewöhnlich ist für Songs, die keine kontrastierende Abschnitte (Chorus und/oder Bridge) aufweisen. Während Interludes üblicher Weise also in der Spannung nachlassen, um den nächsten Hauptabschnitt vorzubereiten, wirken die Interludes in Hymnspannungssteigernd und bereiten den jeweils folgenden Verse klanglich vor:

Beispiel - Interlude

Hymn (Barclay James Harvest 1977)
Musik und Text: John Lees
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Es ergibt sich die folgende Definition:

Interlude:Das ›Interlude‹ ist ein Abschnitt zwischen den Hauptbestandteilen eines Songs (Verse, Chorus, Bridge etc.), der musikalische Bezüge zum Intro oder auch Outro aufweisen kann und sich nicht als Erweiterung interpretieren lässt. Ein Interlude hat gegenüber dem Prechorus und der Transitional Bridge tendenziell einen entspannten Charakter [...].

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Prechorus und Transitional Bridge



(Eine Fortsetzung des Tutorials folgt in Kürze)



Literatur und Weblinks: