Formbegriffe der Pop- und Rockmusik
Das folgende Tutorial basiert inhaltlich auf dem in der Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheoriepublizierten
Aufsatz
Babylonian confusion. Zur Terminologie der Formanalyse von Pop- und Rockmusik
von Ulrich Kaiser. Die Begriffsdefinitionen sind wörtliche Zitate aus diesem Beitrag.
Die Analysediagramme wurden mit
AnaViserstellt.)
Die folgenden Begriffe der Populären Musik werden meist intuitiv verwendet:
Doch weil die Bedeutung der Begriffe unklar ist, verwundert es wenig, dass ein und
derselbe Formteil einmal so und einmal anders benannt wird. Die folgende Beispiele
zeigen einige Probleme in der Verwendung der Begriffe auf. Im Anschluss daran werden
Definitionen gegeben, die den Begriffen eine sinnvolle und möglichst eindeutige
Bedeutung zuweisen.
Refrain, Strophe, Verse und Chorus
In englischsprachigen Pulikationen beispielsweise von Walter Everettund Ken Stephensonwird der Begriff Refrain
für eine Textzeile am Ende von Strophen verwendet. Viele bekannte Songs wie
zum Beispiel I Want To Hold Your Handvon den Beatles
oder The Show Must Go Onvon Leo Sayer werden durch einen
Refrain in diesem Sinne charakterisiert:
The Show Must
Go On (1973)
Text und Musik: Leo Sayer und David Courtney
Externer Link (Youtube)
Die Zeile »But I won't let the show gon on« am Ende der Strophen als Refrain des
Songs zu bezeichnen, steht darüber hinaus im Einklang mit einer Erklärung im Deutschen Wörterbuchder Brüder Grimm:
kehrreim, m. für refrain vorgeschlagen und gebraucht von Bürger [...], reim der
am ende jeder strophe wiederkehrt; an der letztern stelle rät er auch kehrsatz m.,
und kehrum m.; auch kehrzeile hat man dafür gebraucht
Der Song The Show Must Go Onweist nur einen musikalischen
Formteil auf, der zu jeder Strophe wiederholt wird. Die Vertonung einer Strophen
wird üblicher Weise als Versebezeichnet.
Ein Problem ensteht dadurch, dass im deutschsprachigen Raum der Begriff
Refrainnicht für eine Textzeile, sondern für einen größeren Musik- und
Textabschnitt steht. In dem Song California Girlder
Beach Boys beispielsweise wechseln sich im Verlauf des Songs zwei Abschnitte ab.
Die musikalische Gestaltung zum Text »I wish they all could be california girl [...]«
wird dabei üblicher Weise als Refrain oder Chorus bezeichnet:
California Girl
(1965)
Text und Musik: Brian Wilson und Mike Love
Externer Link (Youtube)
Als Refrain können also sowohl eine einzelne Textzeile (zum Beispiel am Anfang oder
Ende einer Strophe) sowie längere sich wiederholende Textabschnitte und die dazugehörige
Musik bezeichnet werden. Das Problem wird verschäft, wenn man sich englischsprachige
Definitionen zum Choruskursiv">Chorusanschaut:
The arrival of a group of singers usually marks the beginning of (in fact provides
the name for) the Chorus. The entrance of other Instruments (strings, for instance)
can help deliniate the form as well. (Covach 2005, S. 126)
In addition of the lyric function, the larger-than-life Chorus often has a thicker
texture, and perhaps more dramatic harmonies, melodic shape, or rhythms than are
characteristics of the verse, which often settles down to its individualistics,
sometimes intimate nature. (Everett
2009, S. 145)
Denn der Name Chorusverweist dem Ursprung nach auf eine
musikalische Struktur bzw. eine Soundeigenschaft und nicht auf einen wiederkehrenden
Text. Wie ist daher mit Songs zu verfahren, die einen Chorus bzw. einen wiederkehrenden
und musikalisch hervorgehobenen Abschnitt haben, aber keinen Text, der in diesen
Formteilen wiederholt wird? Das trifft zum Beispiel auf den Song
The Winner Takes It Allr Takes It Allder Popformation ABBA zu:
The Winner Takes
It All (1980)
Text und Musik: Benny Andersson und Björn Ulvaeus
Externer Link (Youtube)
Durch die höhere Gesangslage und die ausdrucksvollen Septimsprünge erkennt man in
The Winner Takes It Allzwar einen Chorus, doch in diesem
Abschnitten erklingt nie der gleiche Text (selbst die Titelzeile wird nicht
in jedem Chorus gesungen). Man könnte daher sagen, dass ABBA's Welthit zwar einen
Chorus (= hervorgehobener musikalischer Abschnitt), jedoch keinen Refrain (= wiederkehrenden
Text) hat.
Darüber hinaus gibt es Songs, die einen Refrain haben, jedoch keine musikalisch
hervorgehobene Gestaltung aufweisen:
Sympathy (1969)
Text und Musik: Dave Kaffinetti, Mark Ashton, Stephen Gould und Graham Field
Externer Link (Youtube)
In diesem Song wirkt zwar jeder musikalische Abschnitt gegenüber dem vorhergehenden
wie eine Intensivierung, jedoch keine der Soundgestaltungen ist herausragend und
wird wiederholt, so dass es angemessen wäre, sie als Chorus zu bezeichnen.
Möchte man aus diesen Beobachtungen Konsequenzen ziehen, liegt es nahe, die Begriffe
Verse und Chorus vollkommen unabhängig von den Begriffen Strophe und Refrain zu
definieren. Diese Unabhängigkeit ermöglich es, einen Chorus (= musikalisch
hervorgehobener Abschnitt) als Vertonung einer Strophe (= nicht wiederkehrender
Text) und einen Verse (= zurückgenommener Charakter) als musikalische Gestaltung
eines Refrains (= wiederkehrender Text) zu bezeichnen. Die Graphik veranschaulicht
die Möglichkeiten:
| Möglichkeit |
1 |
2 |
3 |
4 |
| Text |
Strophe |
Refrain |
Strophe |
Refrain |
| Musik |
Verse |
Verse |
Chorus |
Chorus |
Es ergeben sie die folgenden Definitionen:
Definition Strophe/Refrain:Die deutschen Begriffe ›Strophe‹
und ›Refrain‹ beziehen sich auf Text und nicht auf Musik. Als ›Strophe‹ werden verschiedene,
in Länge, Syntax, Reimschema etc. korrespondierende Einheiten eines Songtextes bezeichnet.
Mit ›Refrain‹ wird dagegen ein Textabschnitt benannt, der im Songverlauf unverändert
bzw. nahezu unverändert wiederkehrt und der vom Umfang her ein Gegengewicht zu den
Strophen bildet.
Definition Verse/Chorus:Die englischen Begriffe ›Verse‹
und ›Chorus‹ beziehen sich auf Musik und nicht auf Text. Verse und Chorus sind musikalische
Abschnitte, die in einem Song mehrfach wiederkehren. Ein ›Verse‹ moduliert üblicherweise
nicht und beginnt oder endet meist auf der ersten oder fünften Stufe. Auffälligstes
Merkmal des ›Chorus‹ ist die Steigerungsfunktion gegenüber dem Verse, die sich auf
sehr vielfältige Weise vermitteln kann (z.B. über eine einprägsame oder in einer
höheren Oktavlage erklingenden Melodik, komplexere Harmonik, Variation des Drum-Patterns,
Änderung des Time-Feelings, exponierte Soundgestaltung etc.). Der Gesang sowohl
im Verse als auch im Chorus kann durch solistisches Instrumentalspiel ersetzt werden
(= ›instr. Verse‹ bzw. ›instr. Chorus‹).
Definition Refrainzeile/Headline:Um Mehrdeutigkeiten zu
vermeiden, wird der Begriff ›Refrain‹ nicht zur Kennzeichnung einer wiederkehrenden
Textzeile wie zum Beispiel in Sunny von Boby Hebb verwendet. Hierfür sowie für kurze
Textphrasen (die in der Regel den Titel des Songs enthalten) wie zum Beispiel Hey
Jude in Paul McCartneys gleichnamigem Song wird der Terminus ›Refrainzeile‹ vorgeschlagen.
Eine Refrainzeile tritt charakteristischerweise am Anfang oder Ende einer Strophe
oder eines Refrains in Erscheinung. Die mehrfache Wiederholung einer Refrainzeile
kann einen Refrain bilden. Eine musikalisch prägnante Gestaltung der Refrainzeile
heißt ›Headline‹.
Dadurch, dass Verse oder Chorus nicht über das Erscheinen eines Textes definiert
worden sind, ist es auch sinnvoll, von einem instrumentalen Verse oder einem instrumentalen
Chorus zu sprechen. Ein instrumentaler Verse oder Chorus muss dabei die Merkmale
eines gesungenen Verse oder Chorus aufweisen, nur dass der ›Gesang‹ hier von einem
Instrument (z.B. einer E-Gitarre oder einem Klavier) übernommen wird. In einigen
Stücken haben die singende E-Gitarre oder das Klavier sogar eine textausdeutende
Funktion (z.B. in dem Song While My Guitar Gently Weeps
von George Harrsion oder in Was ich Dir sagen willvon
Udo Jürgens). In bestimmten Stilistiken kann man darüber hinaus einige formale Standards
antreffen, z.B. ist in Bluessongs und Rock'n-Roll-Titeln häufig der fünfte Abschnitt
ein instrumentaler Verse:
Big Joe Turner
- Shake, Rattle & Roll
Text und Musik: Jesse "Charles Calhoun" Stone
Externer Link (Youtube)
Im fünften Verse erklingt in Shake, Rattle & Rollein
solistisches Saxophon. Harmonische Grundlage der Verse-Abschnitte ist das Bluesschema.
Im Sinne der hier gegebenen Definitionen hat Shake, Rattle &
Rollkeinen Chorus, obwohl im vierten, siebten und neunten Verse ein Refrain
erklingt. Denn in diesen Verse-Gestaltungen singt Big Joe Truner zwar eine andere
Melodie, eine melodische Variation alleine rechtfertigt jedoch noch nicht die Bezeichnung
›Chorus‹ (in diesem Fall bestenfalls die Bezeichnung ›Verse II‹). Denn für einen
Chorus wäre eine herausgehobene musikalische Gestaltung notwendig, was für den vierten,
siebten und neunten Abschnitt in Shake, Rattle & Roll
nicht zutrifft. Viele Blues- und Rock'n-Roll-Songs und lassen sich aus den genannten
Gründen angemessen als reine Verse-Form verstehen.
In Rockmusik erklingt dagegen ein instrumentaler oder instrumental/vokal geteilter
Verse oder Chorus oft nach einer kontrastierenden Bridgewie
z.B. in Humanityder Scorpions. Auch am Ende eines Songs
wie zum Beispiel in You And Iderselben Formation oder
Hotel Californiader Eagles kommen instrumentale Gestaltungen
eines Verse oder Chorus vor. Darüber hinaus kommt ein instrumental-vokal geteilter
Chorus am Anfang eines Songs oder nach einer Introvor
wie beispielsweise in der Album-Version des Rock-Klassikers God
Gave Rock'n Roll To Youder Gruppe Kiss:
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Intro und Outro
Die Begriffe Intro und Outro sind recht eindeutig: Alles vor dem Einsatz des Gesangs
wird üblicher Weise als Intro bezeichnet und der letzte Abschnitt eines Songs heißt
Outro. Ken Stephenson definiert beispielsweise:
In general, any instrumental music occurring before the entrance of the voice is
called an Introduction, even when the passage consists of only one chord, as in
the Beatles’ ›A Hard Day’s Night.‹ […]
Doch eine solche Definition ist nicht unproblematisch, wenn man sich erinnert, dass
ein instrumentaler Verse oder Chorus nicht nur im Verlauf, sondern sehr gut auch
am Anfang oder Ende eines Songs erscheinen kann. Das Problem lässt sich anhand des
eben gezeigten Songs God Gave Rock'n Roll To Youveranschaulichen,
denn in Live-Versionen (z.B. Rock am Ring 2010) spielen Kiss den Song oft ohne Intro:
God Gave Rock'n Roll To You (Kiss 1991) - Live-Aufnahme ›Rock am Ring‹ 2010
Musik und Text: Russ Ballard und Rod Argen
Nach der Definition von Ken Stephenson müsste der erste instrumentale Abschnitt
als Intro bezeichnet werden, doch wäre es verwirrend, denselben Abschnitt in der
Albumversion als Chorus und in der Liveversion als Intro zu bezeichnen. Auch in
ABBA's The Winner Takes It Allwurden die Abschnitte
vor dem Einsetzen des Gesangs Chorus genannt, weil ein instrumentaler Chorus den
Song beginnt und es wäre wenig überzeugend, diese Abschnitte hier anders zu benennen
als im Verlauf des Songs.
In vergleichbarer Weise sollte auch ein Chorus, der am Ende eines Songs ausgeblendet
wird, als solcher und nicht als Outro bezeichnen werden. Denn auch hier wäre es
denkbar, dass derselbe Formteil in einer Albumversion anders als in einer Radioversion
bezeichnet werden müsste (zum Beispiel wenn er im Radio aus programmtechnischen
Gründen vorzeitig ausgeblendet wird). Die Albumversion von God
Gave Rock'n Roll To Youendet in diesem Sinne mit einem Chorus (to fade).
Somit ergeben sich die folgenden Definitionen:
Definition Intro/Outro:›Intro‹ heißt ein einmalig am Anfang
eines Songs, ›Outro‹ ein einmalig am Ende eines Songs auftretender Abschnitt. Beide
Formteile unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Gestaltung von Verse und Chorus
und sind durch einen hinführenden bzw. schließenden Charakter gekennzeichnet. Daraus
folgt, dass Verse und Chorus auch dann nicht als Intro bzw. Outro bezeichnet werden,
wenn ihre Formfunktion z.B. durch ein Fade-In bzw. Fade-Out als eindeutig ›einleitend‹
bzw. ›endend‹ wahrgenommen wird.
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Die Bridge
Für ein tieferes Verständnis des Bridge-Formteils ist es notwendig, die Form von
populärer Musik aus Nordamerika vor dem Zweiten Weltkrieg in den Blick zu nehmen.
Tin-Pan-Alley
(engl.: Blech-/Zinnpfannengasse) wurde damals scherzhaft die 28. Straße
zwischen Fifth Avenue und Broadway bezeichnet, in der das Herz der amerikanischen
Unterhaltungsmusik schlug. Die hier ansässigen Songschreiber schufen zahlreiche
Kompositionen (sogenannte ›Sheet-Music‹), die aus einem kurzen ›Verse‹ und einen
gewichtigeren ›Refrain‹ bestanden. Um Verwechslungen mit den Begriffen der Pop-
und Rockmusik zu vermeiden, wird hier der Vorschlag von John Covachübernommen, diese Abschnitte als
Sectional-Verse(= SV) und Sectional-Refrain
(= SR) zu bezeichnen. Ein Sectional-Refrain wies einen standardisierten
Formverlauf auf: Er begann üblicher Weise mit der Struktur AABA, ABAA oder ABAC,
die anschließend ganz oder auch nur teilweise wiederholt werden konnte:
- SV-SR (= AABA)
- SV-SR (= ABAA)
- SV-SR (= ABAC)
Diese AABA-Struktur des Sectional-Refrains wird dabei von Walter Everett auch als
Sonderform des SRDC-Schemas bezeichnet:
- ›Statement‹ of a melodic idea
- ›Restatement‹ at the same or contrasting pitch level
- ›Departure‹ that Introduces contrasting motivic material
- ›Closure‹ that may or may not recapitulate the opening
phrase
I've Got The World On A Stringvon Harold Arlen wurde
1932 von Harold
Arlenfür den berühmten
Cotton Clubin Harlem/New York geschrieben. Der Song besteht aus einem Sectional-Verse
(»Mery month of May...«) und einem Sectional-Refrain mit der Struktur AABA:
- A(bzw. Statement of a melodic
idea) = »I've got the world...«
- A(bzw. Restatement at the
same pitch level) = »I've got a song...«
- B(bzw. Departure that Introduces
contrasting motivic material) = »Life is a beautyful thing...«
- A(bzw. Closure that may or
may not recapitulate the opening phrase) = »I've got the world...
Die folgende Abildung zeigt die Form des Songs einer Aufnahme durch January Jones.
Schön zu sehen ist hier, dass nach dem Sectional-Refrain mit der AABA-Struktur sowohl
der B- als auch der A-Teil noch einmal wiederholt werden:
I've Got the
World on a Stringin der Interprtation von January Jones
Musik und Text: Harold Arlen und Ted Koehler
Externer Link (Youtube)
Wie viele und welche Formteile im Sectional-Refrain eines Tin-Pan-Alley-Songs nach
Ablauf des Schemas (AABA, ABAA oder ABAC) wiederholt wurden, war variabel und konnte
sich von Aufnahme zu Aufnahme unterscheiden. In der Interprtation des Titels durch
John Bennett beispielsweise wird der B-Teil nicht, der A-Teil dagegen noch dreimal
wiederholt, wobei eine A-Abschnitt nach der ersten Bridge üblicher Weise instrumental
erklingt:
I've Got the World on a String in der Interpretatioen von Tony Bennett
Musik und Text: Harold Arlen und Ted Koehler
Der Einfluss des AABA-Formverlaufs auf einige Pop- und Rock-Bands der 1960er Jahre
war sehr groß. Zwar schwand der Einfluss der Broadway-Songschreiber des Brill Buildingdurch Interpreten-Songschreiber wie Lennon/McCartney,
die etablierten Songformen prägten jedoch auch das Werk zahlreicher Autoren späterer
Zeit. Typisch für den Brill-Building-Pop war nach dem AABA-Schema die Wiederholung
des B-Kontrastteils sowie ein bis zwei weitere Wiederholungen des A-Teils (z.B.
AABABA). In der Beatmusik wird dabei der A-Teil als ›Verse‹ und der B-Teil als ›Bridge‹
bezeichnet. Chains, eine auf dem ersten Album
Please Please Me(1963) der Fab Four veröffentlichten Coverversionen der
Brill-Building-Autoren Gerry Goffin and Carole King, zeigt diesen typischen, braodway-beeinflussten
formale Ablauf:
Chains (Beatles
1963)
Musik und Text: Gerry Goffin and Carole King
Externer Link (Youtube)
Jeder Verse beginnt mit der Refrainzeile »Chains (my baby's got me locked up in
chain)«, in der letzten Zeile wird das »Chains« darüber hinaus wiederholt.
Ebenfalls auf diesem Album befindet sich der Titel Do You Want
To Know A Secret, dessen Verlauf noch stärker an ursprüngliche Broadway-Formgestaltungen
erinnert: Einer vokalen Intro (= Sectional-Verse) folgt eine AABA-Form ohne
Wiederholungen (= Sectional-Refrain), wobei die Abschnitte des AABA-Verlaufs
in der Beatmusik üblicher Weise als Verse und Bridge bezeichnet werden:
Do You Want To
Know A Secret
Musik und Text: John Lennon und Paul McCartney
Externer Link (Youtube)
Ken Stephenson hat durch eine Graphik veranschaulicht, auf welche Weise sich die
für Rockmusik und Mainstream-Pop typische Verse-Chorus-Bridge-Form aus der AABA-Songform
entwickelt haben könnte:
Der Chorus könnte sich aus der Refrainzeile entwickelt haben, wenn diese am Ende
und nicht − wie in den Beispielen zuvor − am Anfang
des Verse erklingt. Auch herfür findet sich ein schönes Beispiel im Repertoire der
frühen Beatles: Till There Was Youist eine Coverversion
des gleichnamigen Titels aus dem Musical Music Manvon
Meredith Willson
.
Till There Was
You von Meredith Wilson interpretiert von den Beatles (1963).
Externer Link (Youtube)
Durch die Dinsey-Produktion des Musicals aus dem Jahre 2003 ist eine weitere Fassung
des Songs bekannt geworden. Während sich bei den Beatles nach der AABA-Form die
Folge ABA anschließt, werden im Film lediglich die Bridge und ein Verse wiederholt:
Till There Was You
in der Interpretation von Kristin Chenoweth und Matthew Broderick
in der Disney-Produktion (2003) des Musicals Music Man
von Meredith Willson.
Erklingt die Refrainzeile am Ende der Verse-Gestaltungen einer AABA-Form, kann diese
beispielsweise dadurch musikalisch an Gewicht gewinnen, dass sie − wie
beispielsweise in dem Song Ticket To Ride(1965) der
Beatles − wiederholt wird:
Ticket To Ride
Musik und Text: John Lennon und Paul McCartney
Externer Link (Youtube)
Erfährt nun eine solche Wiederholung der Refrainzeile eine eigenständige musikalische
Gestaltung, so wird sie nicht mehr als unselbständiger Bestandteil des Verse angesehen,
sondern bildet einen eigenen musikalischen Attraktionspunkt, der üblicher Weise
als Chorusbezeichnet wird. Hierfür ist der Beatles-Song
Please Please Me(1963) ein anschauliches Beispiel:
Please Please
Me
Musik und Text: John Lennon und Paul McCartney
Externer Link (Youtube)
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Formteil ›Bridge‹ vorwiegend in zwei
konkurrierenden Formmodellen vorkommt:
1.) In der Verse-Bridge-Form: Auffälliges Merkmal dieser Form ist, dass der Formteil
Bridge zweimal vorkommt. Er erscheint üblicher Weise erstmalig nach dem zweiten
Verse und wird nach einem weiteren Verse wiederholt (AABABA).
2.) In der Verse-Chorus-Bridge-Form: In diesem Formmodell erscheint die Bridge charakteristischer
Weise nur einmal und zwar häufig nach zwei Verse-Chorus-Paaren.
Definition Bridge:In der Verse-Bridge- und der Chorus-Bridge-Form
ist die Bridge ein Formteil, der kontrastierend, aber nicht steigernd wirkt. Die
fehlende Steigerungsfunktion gegenüber dem Verse unterscheidet die Bridge von einem
Chorus. In der Verse-Bridge-Form kommt die Bridge in der Regel zweimal vor, ein
Chorus hingegen fehlt. [...]Die Bridge findet
sich üblicherweise erstmalig zwischen zweitem und drittem Verse
[...](AABA), ihr zweites Auftreten resultiert aus einer vollständigen oder
partiellen Wiederholung des AABA-Schemas. Der Text in der ersten und zweiten Bridge
kann gleich (wie zum Beispiel in I Want To Hold Your Hand der Beatles) oder verschieden
sein (wie beispielsweise in Leningrad von Billy Joel).
In der Verse-Chorus-Bridge-Form wird dagegen als Bridge (bzw. Primary Bridge) ein
umfangreicherer Formteil bezeichnet, der üblicherweise einmal vorkommt und zum Vorhergehenden
kontrastierend wirkt. Die Bridge erklingt im Rahmen dieses Formmodells in der Regel
als Verbindung zwischen zwei Verse-Chorus-Paaren und weiteren Verse- und/oder Chorus-Wiederholungen.
Eine Bridge ist mit gesungenem Text und auch instrumental möglich.
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Das instrumental Solo
In der deutschsprachigen Wikipedia findet sich zum ›Solo (Musik)‹ der folgende Eintrag:
Ein Musiksolo (lat. solo: "allein"; Pl. Soli) ist ein Element eines Musikstückes,
bei dem der Solist ein Instrument alleine oder akustisch herausgehoben im Vordergrund
in Begleitung anderer Instrumente spielt.
Als Beispiele für ein Instrumental Solo werden Comfortably Numbvon Pink Floyd, Stairway to Heavenvon Led Zeppelin, Firth of Fifthvon Genesis, November RainGuns N’ Rosessowie Master of Puppetsund Orion
von Metallica
genannt. Analysiert man diese Stücke, wird das Problematische der Begriffsverwendung
schnell offensichtlich:
Firth Of Fifth
(Genesis 1973)
Musik und Text: Tony Banks, Phil Collins, Mike Rutherford, Peter Gabriel und Stephen
Hackett
Externer Link (Youtube)
In Firth Of Fifth von Genesis
erklingen nach einer Intro, einer verkürzten AABA-Form und einem Zwischenspiel (= Interlude) vier musikalisch individuell gestaltete Abschnitte,
in denen solistische Instrumente erklingen (Flöte, Piano, Syntesizer und E-Gitarre).
Der Begriff kann hier also − wie die Begriffe Verse und Chorus auch −
musikalische Abschnitte benennen, die eine spezifische musikalische Gestaltung aufweisen
und in denen solistisches Instrumentalspiel zu hören ist. Anders verhält es sich
dagegen in Comfortably Numbder Gruppe
Pink Floyd:
Comfortably Numb
(Pink Floyd 1979)
Musik und Text: David Gilmour und Roger Waters
Externer Link (Youtube)
In diesem Song lässt sich die Bezeichnung Solonur auf
Verse- oder Chorus-Formteile beziehen, in denen die berühmten Gitarrensoli von David
Gilmour zu hören sind. Der Begriff wird hier auf einer anderen semantischen Ebene
als die Begriffe Verse, Chorus
, Intround Outroverwendet,
da die musikalische Beschaffenheit der Formteile Verse und Chorus vernachlässigt
und Besetzung bzw. Spielweise als primäre Eigenschaft angesehen werden.
Diese Begriffsverwendung bereitet erhebliche Probleme in der Analysepraxis. Häufig
zum Beispiel erklingt nach einer Bridge eine instrumental/vokal geteilter Verse:
I Was Made For
Loving You (Kiss 1979) - Aufnahme eines Konzerts in Australien 2003
Musik und Text: Desmond Child, Paul Stanley und Vini Poncia
Externer Link (Youtube)
Würde sich der Begriff Sololediglich auf die Besetzung
und nicht auf die musikalische Beschaffenheit des Formteils beziehen, dürfte man
instrumental/vokal geteilte Abschnitte nach einer Bridge nicht mehr als Verse bezeichnen,
darüber hinaus könnte es im Blues oder in der AABA-Form keine instrumentalen Verse-
oder Bridge-Gestaltungen geben oder man könnte keinen einleitenden instrumentalen
Chorus mehr als solchen bezeichnen (vergleiche hierzu die Analysen oben). Musikalisch
angemessener ist es daher, zwischen einem instrumentalen Verse, instrumentalen Chorus
und Instrumental Soloo(als eigenständigen musikalischen
Abschnitt) zu unterschieden. Songs wie Hotel Californiader Eaglesweisen demnach keine Soli als Formteile auf, sondern
wären durch instrumentale Verse-Gestaltung charakterisiert:
Hotel California
(Eagles 1976)
Musik und Text: Don Felder, Glenn Frey und Don Henley
Externer Link (Youtube)
Aus diesem Grunde wird die folgende Definition vorgeschlagen:
Definition Instrumental Solo:Als ›Solo‹ bzw. ›Instrumental
Solo‹ werden Formteile bezeichnet, die einen improvisatorischen Charakter haben
und in denen ein oder mehrere Instrumente solistisch hervortreten. Ein ›Solo‹ kann
sich einerseits stilistisch von den übrigen Teilen eines Songs stark unterscheiden,
andererseits aber auch im Stil eines Songs auftreten, wenn beispielsweise solistisches
Instrumentalspiel zur andauernden Wiederholung einer kurzen Harmoniefolge erklingt
(Vamp). Das Auftreten eines solistischen Instruments in Verse, Chorus oder Bridge
wird hingegen nicht als Solo bezeichnet. Hierfür stehen die Bezeichnungen ›instrumentaler
Verse‹, ›instrumentaler Chorus‹ oder ›instrumentale Bridge‹ zur Verfügung.
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Interlude
Im Lexikon der populären Musikvon Peter Wicke, Kai-Erik
und Wieland Ziegenrücker findet sich zum Stichwort Interlude
der folgende Eintrag:
Interlude [engl., 'intelud]: Zwischenspiel; ein häufig mit Intro oder auch Coda
korrespondierender Teil des Arrangements.
Nicht selten werden Verse-Chorus-Paare durch Abschnitte getrennt, denen die Funktion
einer Verbindung zukommt, die sich musikalisch auf Intro oder Outro beziehen und
die sich im Sinne der lexikalischen Dfinition angemessen als Interlude bezeichnen
lassen. An dem Song American Idiotvon Green Day lässt
sich dieser Sachverhalt gut demonstrieren:
American Idiot
(Green Day 2004)
Musik und Text: Billie Joe, Green Day
Externer Link (Youtube)
Interludes verbinden in diesem Song das erste und zweite Verse-Chorus-Paar sowie
den zweiten und dritten Chorus.
Häufig findet sich in Pop-/Rocksongs nach einer Bridge ein partial
Verseoder auch partial Chorus. Obwohl
American Idiotkeinen Kontrastteil bzw. keine Bridge aufweist, erklingt
im letzten Drittel des Songs ein part. Verse. Musikalisch
reizvoll ist, dass in diesem Fall der part. Verse nicht einfach nur um die Hälfte
verkürzt erklingt, sondern dass er durch Weglassen instrumentaler Einwürfe wie ein
›Zeitraffer‹ vorangegangener Verse-Gestaltungen wirkt.
Insbesondere, wenn auf die musikalische Entsprechung von Interlude und Intro/Outro
verzichtet wird, steht mit Interlude ein sehr flexibler Begriff zur Verfügung, Abschnitte
zwischen Hauptbestandteilen eines Songs zu bezeichnen..
Eine Besonderheit lässt sich in der Verbindung von Verse-Abschnitten durch Interludes
in Hymnvon Barclay James Harvest beobachten. Hier werden
die Verse-Teile durch zweitaktige Interludes verbunden, wobei die sich über den
ganzen Titel ersteckende Steigerung nicht ungewöhnlich ist für Songs, die keine
kontrastierende Abschnitte (Chorus und/oder Bridge) aufweisen. Während Interludes
üblicher Weise also in der Spannung nachlassen, um den nächsten Hauptabschnitt vorzubereiten,
wirken die Interludes in Hymnspannungssteigernd und
bereiten den jeweils folgenden Verse klanglich vor:
Hymn (Barclay
James Harvest 1977)
Musik und Text: John Lees
Externer Link (Youtube)
Es ergibt sich die folgende Definition:
Interlude:Das ›Interlude‹ ist ein Abschnitt zwischen den
Hauptbestandteilen eines Songs (Verse, Chorus, Bridge etc.), der musikalische Bezüge
zum Intro oder auch Outro aufweisen kann und sich nicht als Erweiterung interpretieren
lässt. Ein Interlude hat gegenüber dem Prechorus und der Transitional Bridge tendenziell
einen entspannten Charakter [...].
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Prechorus und Transitional Bridge
(Eine Fortsetzung des Tutorials folgt in Kürze)
Literatur und Weblinks:
- John Covach, »Form in Rock Music. A Primer«, in: Engaging
Music. Essays in Music Analysis, New York 2005, S. 65–76.
- Walter Everett, The Foundation Of Rock, New York 2009.
- Ulrich Kaiser,
»Babylonian confusion. Zur Terminologie der Formanalyse von Pop- und Rockmusik«
, in: ZGMTH 8/11 (2011).
- Ken Stephenson, What To Listen For in Rock. A Stylistik Analysis
, New Haven und London 2002
- Ralf v. Appen und Markus Frei-Hauenschild, »AABA, Refrain, Chorus, Bridge, PreChorus
– Songformen und ihre historische Entwicklung«, in: Black Box
Pop. Analysen populärer Musik (= Beiträge zur Popularmusikforschung Bd.
38), Bielefeld 2012, S. 57- 124.