Dominanten und die Sixte ajoutée
(Rameauscher Quintsextakkord)
In seiner Schrift Systematische Anleitung in die musicalische Setzkunst
(Leipzig 1757), in welcher der Mathematiker, Physiker und Philosoph Jean-Baptiste le Rond d’Alembert Auszüge aus den Lehrwerken
von Jean-Philippe
Rameau übersetzt, findet sich die folgende Anmerkung zum Quintsextakkord
von Friedrich Wilhelm
Marpurg:
Marpurg verweist darauf, dass der »Verfasser« (Jean-Philippe Rameau) eine Unterscheidung
zwischen zwei Akkorden trifft, die im Generalbass beide als »Sextquintenaccorde«
beziffert werden. Das folgende Notenbeispiel zeigt Marpurgs Beispiele in moderner
Notation:
Für diese Unterscheidung ist wichtig zu verstehen, was Rameau unter einer
Dominante (»Dominante«) verstanden hat: Als Dominante werden Akkorde
bezeichnet, die durch die charakteristische Dissonanz der Septime
gekennzeichnet sind, welche sich stufenweise abwärts auflösen muss bei gleichzeitigem
Quintfall im Fundament. Nimmt man beispielsweise einen C-Dur-Akkord und fügt ihm
eine Septime hinzu, wird dieser zu einer Dominante, wobei sich die Septime h in das a eines Akkordes
mit dem Fundament f auflöst:
Historisch gesehen haben sich die Septimenakkorde aus einer Durchgangsdissonanz
entwickelt, wobei sich die ursprünglich auf metrisch leichterer Zeit erklingende
Intervalldissonanz zum Bestandteil einer Akkorddissonanz (Septimenakkord) entwickelt
hat:
Das Musterbeispiel für eine Akkordfolge, die nur aus Dominanten besteht, ist die
Quintfallsequenz. In ihr ist idealer Weise jeder Akkord durch die charakteristische
Dissonanz der Septime gekennzeichnet, alle Septimen lösen sich stufenweise abwärts
auf und die Fundamente der Akkorde bilden eine Kette aus ausschließlich fallenden
Quinten (bzw. steigenden Quarten):
Aufgabe 2
Schreibe von den gegebenen Anfangsakkorde der I. Stufe eine Quintfallseqenz, bis
die erste Stufe wieder erreicht ist:
Dass Rameau jeden Septakkord als Dominante (also auch in Nebenseptakkorden) bezeichnet
hat, unterscheidet seine Auffassung des Begriffs Dominante
von unserem heutigen Verständis. Denn üblicher Weise verstehen wir unter Dominante
nur den Septakkord der V. Stufe (Dominantseptakkord), den Rameau als eine Sonderform
der Dominante mit dem Zusatz »tonique« versehen hat (Dominante-tonique = Dominantseptakkord
/ Dominante = alle Septakkord).
Von einer Dominante unterscheidet Rameau grundsätzlich die Subdominante
(»Sousdominante«). Als Subdominante werden Akkorde bezeichnet, die durch die charakteristische Dissonanz der großen Sexte (›Sixte ajoutée‹)
gekennzeichnet sind, welche sich stufenweise aufwärts auflösen muss bei gleichzeitigem
Quartfall im Fundament. Nimmt man beispielsweise einen C-Dur-Akkord und fügt ihm
eine Sixte ajoutée hinzu, wird dieser zu einer Subdominante, wobei sich die Sexte
a in das h eines Akkordes
mit dem Fundament g auflöst:
Auch die Sixte ajoutée ist historisch gesehen aus einer Durchgangsdissonanz entstanden,
wobei wobei sich die ursprünglich auf metrisch leichterer Zeit erklingende Intervalldissonanz
zum Bestandteil einer Akkorddissonanz (Akkord mit hinzugefügter großer Sexte) entwickelt
hat:
Verbindet man Subdominanten im Sinne Rameaus zu einer Akkordfolge, entsteht eine
Quintanstiegssequenz, deren Fundamentstimme sich als Fortschreitung aus Quintstiegen
(bzw. Quartfällen) beschreiben lässt:
Aufgabe 4
Schreibe von den gegebenen Anfangsakkorde der I. Stufe eine Quintanstiegssequenz,
bis die dritte Stufe erreicht ist:
Der Abschluss einer Quintfallsequenz (VI−II−V−I) lässt sich als
Kadenz
gestalten. Chiffriert man den Septakkord der II. Stufe (d−f−a−c)
mit Hilfe von Funktionssymbolen, läge die folgende Chiffrierung nahe:
Das Problem entsteht bei der Chiffrierung der gleichen Wendung in Moll, denn hier
ist der Septakkord der II. Stufe (d−f−as−c)
ein halbverminderter Septakkord, der sich angemessen weder als Parallele noch als
Gegenklang der Subdominante chiffrieren lässt:
Um nicht Gleiches (II−V−I-Kadenz) in Dur und Moll verschieden kennzeichnen
zu müssen, hat sich sowohl für Dur als auch für Moll die folgende funktionstheoretische
Chiffrierung durchgesetzt:
Doch was im Sinne der Funktionstheorie richtig und nachvollziehbar ist, muss aus
der Sicht Rameaus als falsch bezeichnet werden, da den Akkorden
d−f−a−c und d−f−as−c
in der authentischen Kadenz jeweils ein G-Dur-Akkord folgt, weshalb Rameau diese
Akkorde als Dominanten mit charakteristischer Septimdissonanz (c)
verstanden und die Verbindung durch den Fundamentschritt (d−g)
beschrieben hätte. Nur in den folgenden plagalen Wendungen wären nach Rameau die
Akkorde d−f−a−c und
d−f−as−c als Subdominaten bzw. als Akkorde mit Sixte
ajoutée anzusehen:
Aufgabe 5
Chiffriere die gegebenen Akkordfolgen sowohl mit Stufenzeichen (über dem System)
als auch mit Funktionssymbolen (unter dem System):
Tabelle zur Funktionstheorie
(in Arbeit)
Im 18. Jahrundert hat man nicht nur plagale Wendungen, sondern auch Verbindungen,
die wir heute kontrapunktisch erklären würden, als Akkordsatz interpretiert. In
dem nächsten Beispiel wäre es zum Beispiel denkbar, die Töne d
(Bass) und f (Alt) als Durchgangstöne zwischen Grundton
und Terz (c−e) bzw. zwischen Terz und Quintton
(e−g) eines C-Dur-Akkords aufzufassen. Rameau
hätte diese Wendung als Zusammensetzung aus drei Akkorde interprtiert: Zwei Akkorde
mit dem Fundament c sind durch eine Subdominante mit
dem Fundament f und der Sixte ajoutée
d im Bass verbunden:
Das nächste Notenbeispiel zeigt das Beispiel aus den Kommentaren Marpurgs zu »den
Lehrsätzen des Herrn Rameau« in moderner Notation:
Im 19. Jahrundert kommen Alterationen des Rameauschen Quintsextakkordes bzw. der
Sixte ajoutée vor. Durch Alteration der Sexte entsteht ein übermäßiger Quintsextakkord,
der sich traditioneller Weise in eine Dominante auflöst. Für den übermäßigen Quintsextakkord
als Sixte ajoutée hingegen bleibt die Auflösung über einen plagalen Fundamentschritt
(Quintstieg bzw. Quartfall) mit Aufwärtsbewegung der alterierten Sexte charakteristisch:
Das Notenbeispiel oben zeigt bei a) eine nicht-alterierte Sixte ajoutée mit der
charakteristischen Auflösung. Bei b) ist die Sixte ajoutée g
zu gis bei gleichbleibenden Auflösungsakkord hochalteriert
worden. Das Beispiel c) zeigt hingegen die Auflösung des gleichen Akkordes (b-d-f-gis) als übermäßigen Quintsextakkord in d-Moll mit
doppeldominantischer Funktion im Sinne der Funktionstheorie (e-gis-h-d-f
ohne Grundton e und mit tiefalterierter Quinte h). Die Quintparallelen (b-f
zu a-e), die im 18. Jahrhunderts bei der Auflösung zur
Dominante auftreten können (sogenannten »Mozartquinten«), sind im Beispiel d) durch
den Quartsextvorhalt der Dominante vermieden worden.
In der Motette »Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen« op. 74, Nr. 1 setzt
Johannes Brahms den subdominantischen übermäßigen Quintsextakkord kurz vor Ende
des Satzes als Steigerungsmittel vor der letzmaligen »Warum«-Frage ein:
Aufgabe 6
Löse die folgenden Akkorde auf als: