Das abendländische Tonsystem
Warum heißt ein b nicht hes?
Und warum kann man in Noten des 16. Jahrhunderts ein es,
aber kein dis entdecken? Zur Beantwortung dieser Fragen
ist es hilfreich, die Entstehung unseres abendländischen Tonsystems in den Grundzügen
zu kennen.
Im 8. und 9. Jahrhundert (Bildungsreform Karls des Großen) trafen im Abendland zwei
musikalische Traditionen aufeinander: Die Tradition des liturgischen Singens auf
der einen und die der antiken griechischen Musiktheorie auf der anderen Seite. In
der griechischen Musiktheorie wurde musikalischer Raum über das Messen und Errechnen
der Intervalle anhand von Proportionszahlen
(Saitenlängen, Länge von Orgelpfeifen etc.) erschlossen, während für das liturgische
Singen melodische Aspekte von größter Bedeutung waren. Das Aufeinandertreffen von
vertikal-mathematischer und horizontal-melodischer Musikanschauung setzte eine Entwicklung
in Gang, die unser abendländisches Musiksystem bis heute prägt.
Spätantikes Doppeloktavsystem, mittelalterliches Ton- und Hexachordsystem
Die Anfänge der griechischen Musiktheorie werden dem Philosophen Pythagoras zugeschrieben. Nach einer Legende kam er an einer
Schmiede vorbei und fand heraus, dass der Zusammenklang der Schmiedehämmer von ihrem
Gewicht abhing. Durch Experimente mit gleich langen und gewichteten Saiten soll
er zu der Erkenntnis gekommen sein, dass sich für Intervalle (wie zum Beispiel die
Oktave, Quinte und Quarte) messbare Proportionen nachweisen lassen. Die Proportionen
wurden in mittelalterlichen Schriften am Monochord oder Polychord veranschaulicht:
Das Notenbeispiel unten zeigt anhand der Zahlen 6, 8, 9 und 12 die Proportionen
der Intervalle Oktave (2 : 1 bzw. 12 : 6), Quinte (3 : 2
bzw. 9 : 6 oder 12 : 8) und Quarte (4 : 3 bzw. 8 : 6
oder 12 : 9). Als Restintervall einer durch Quarte und Quinte geteilten
Oktave ergibt sich ein Tonus (Ganztonschritt mit der Proportion 9 : 8).
Aus zwei Ganztönen mit der Proportion 9 : 8 ließ sich wiederum ein Ditonus
gewinnen (mit der Proportion 81 : 64). Das Restintervall bzw. der Halbton
zwischen einem Ditonus und einer Quarte wurde als Limma bezeichnet (mit der Proportion
256: 243). Von dem Ton C aus lassen sich über die genannten Proportionen alle
Stammtönen des Tonsystems konstruieren, die am Klavier durch weißen Tasten repräsentiert
werden:
Exkurs: Addieren und Substrahieren von Intervallen
Intervalle werden zusammengezogen bzw. addiert, indem man ihre Verhältniszahlen
multipliziert. Beispiel: Eine Quinte hat die Proportion 3/2, eine Quarte die Proportion 4/3.
Quinte und Quarte ergeben zusammen eine Oktave mit der Proportion 2/1. Der
Rechenweg lautet:
3/2 * 4/3 = 12/6 = 2/1.
Intervalle werden voneinander abgezogen bzw. substrahiert, indem man ihre Verhältniszahlen
dividiert. Beispiel: Eine Oktave hat die Proportion 2/1, eine Quarte die Proportion 4/3.
Zieht man von der Oktave eine Quarte ab, erhält man eine Quinte mit der Proportion 3/2.
Der Rechenweg lautet:
2/1 : 4/3 = 2/1 * 3/4 = 6/4 = 3/2.
Das spätantike Doppeloktavsystem (systema teleion) der
Griechen wies eine besondere innere Struktur auf: Von dem Ton a
aus (Nete) wurde durch zwei ›verbundene‹ Tetrachorde (a-g-f-e
und e-d-c-h) eine siebenstufige Skala gebildet (a-h, zu sehen in der nachstehenden Abbildung auf der linken
Seite). Die Wiederholung dieser Skala sowie der Ton G (Gamma) ergaben einen Tonvorrat
aus 15 Tönen, der durch den Ton b erweitert wurde. Das
b war Bestandteil eines weiteren Tetrachords
synemenon (d-c-b-a) und wies die gleiche
Halbton-Ganzton-Struktur auf wie alle übrigen Tetrachorde (von oben nach unten:
Ganzton-Ganzton-Halbton). Es bildet gewissermaßen eine Klammer um die ›unverbundenen‹
Tetrachorde (e-d-c-h und a-g-f-e)
an der sogenannten Diazeuxis in der Mitte des Tonsystems.
Über Boethius
und die Rezeption des antiken Tonsystems erhielt der Ton b
Eingang in das mittelalterliche Tonsystem. Das b wurde
ursprünglich also nicht als Verfärbung des Tones h,
sondern als eine (gleichwertige) Variante zu diesem Ton angesehen (weswegen wir
b und nicht hes sagen, im
Angloamerikanischen wird übrigens heute noch der Ton h
als b bezeichnet, während der Ton b
durch einen Namenszusatz als b-flat gekennzeichnet wird).
Die mittleren Spalte der nachstehenden Tabelle zeigt den mittelalterlichen Tonvorrat
mit der Doppelstufe h/b:
Die Tatsache, dass in frühen Traktaten immer wieder die Abfolge der Ganz- und Halbtonschritte
des Tonsystems gelehrt wurde, lässt vermuten, dass es als unübersichtlich empfunden
worden ist und es erhebliche Schwierigkeiten in der Musikerziehung gab. Aus diesem
Grund hat man wahrscheinlich in der Praxis mit kleineren Vermittlungseinheiten wie
zum Beispiel den Tetrachorden gearbeitet, die nur einen Tonumfang von vier Tönen
und einem Halbton hatten. Guido von Arezzo kam schließlich im 11. Jahrhundert auf
die Idee, Tetrachorde zu Hexachorden zu erweitern. Guidos Sechstonfolgen wiesen
als Charakteristikum ebenfalls nur einen Halbton auf und hatten die Struktur Ganzton-Ganzton-Halbton-Ganzton-Ganzton
(= Gt-Gt-Ht-Gt-Gt). Solche Hexachorde konnten in dem oben beschriebenen Tonsystem
ohne Vorzeichen nur auf den Tönen c,
g und f gebildet werden:
Jeder Ton dieser Hexachorde wurde mit einem spezifischen Toncharakter erlebt, wobei
dem mi bzw. dem dritten Ton der Hexachorde (das einen
Halbton über sich anzeigt) und dem fa bzw. vierten Ton
(mit dem Halbton unter sich) besondere Bedeutungen zukamen. Das
mi contra fa zwischen Tönen verschiedener Hexachorde wurde beispielsweise
in Unisonum, Quintam, Quartam und Octavam lange Zeit als »Teufel in der Musik« geächtet
(»Mi contra fa ist der Teuffel in der Musica«, Johannis
Nucius, Musices Poeticae, 1613):
Durch Mutation (Wechsel der Hexachorde aufwärts zum
ersten Ton ut, abwärts zum sechsten Ton
la) konnten Tonfolgen gesungen werden, die den Umfang der Hexachorde
überschritten. Seine Methode hatte sich Guido ausgedacht, um das Erlernen der Choralmelodienrepertoires
zu erleichtern (angeblich ließ sich die auf zehn Jahren veranschlagte Lernzeit durch
Anwendung der Methode auf »ein Jahr« verkürzen). Die Abbildung aus
Der freyen lieblichen Singkunst (1610) des Nürnberger Kantors Maternus
Behringer gibt eine Übersicht über das Solmisationssystem:

Ungeeignet für mehrstimmige Musik verlor das Hexachordsystem bereits im 15. Jahrhundert
seine ursprüngliche Bedeutung und wurde zur Grundlage der heute bekannten relativen
oder absoluten Gehörbildungssysteme (Rousseaus Zifferntonschrift, Tonic-Solfa, Tonika-Do,
Jale, Solmisation Kodalys, Solfeggio, Solfège, Tonwort u.a.).
Dem Zitat Behringers lässt sich noch eine weitere, sehr wichtige Gesangspraxis des
16. Jahrhunderts entnehmen: Wenn ein Hexachord nur um einen einzigen Ton überschritten
wurde, war es üblich, auf einen Hexachordwechsel zu verzichten und statt dessen
nur einen einfachen Halbtonschritt zu singen (»Una Nota super la,
semper est canendum fa«):
Des weiteren war es üblich, in Kadenzen
auf den Tönen d, g und a um der Schönheit willen (pulchritudinis
causa) einen Leitton zu improvisieren, da es in diesen Kadenzen keinen
›natürlichen‹ Halbtonschritt gab:
Vereint man nun die Stammtöne (c, d, e, f, g, a, b, h)
und die Töne der Improvisationspraxis (die Leittöne cis, fis, gis
sowie den ›una nota‹-Ton es) zu einer Tonleiter, ergibt
sich eine zwölftönig-chromatische Skala:
Zu bedenken ist, dass diese Töne nur in genau dieser Notation und nicht in enharmonischer
Verwechslung auftreten konnten. Denn den Ton es kannte
man nur als ›una nota‹-Wechselnote (d-es-d) und nicht
als Leitton zum e (e-dis-e),
der Ton b hingegen war ein Stammton und als
ais bzw. Leitton zum h undenkbar.
Die mehrstimmige Musik des 15. und 16. Jahrhunderts wurde in der Regel ohne Vorzeichen
oder mit nur einer b-Vorzeichnung notiert. Der Tonvorrat
mit dem Ton h (= c-d-e-f-g-a-h)
hieß wegen der hart gespannten h-Seite
scala durus, der Tonvorrat mit dem b wurde
scala mollis genannt wegen der weicher gespannten Seite
für das b (= c-d-e-f-g-a-b).
Für einige Tonarten war die
scala durus, für andere die scala mollis
charakteristisch. Die improvisierten Töne cis, fis, gis und
es konnten in allen Tonarten vorkommen, wurden jedoch im allgemeinen
nicht notiert. Aus diesem Grunde lässt die aufführungspraktische Frage, mit welchen
Vorzeichen Vokalmusik des 15. und 16. Jahrhunderts gesungen werden sollte, verschiedene
Interpretationen bzw. Möglichkeiten zu.